von Raphael Schmidt
Görlitz. Der Abend des 22. Januar stand in der voll besetzten Görlitzer Kreuzkirche ganz im Zeichen des Abschieds von Kirchenmusikdirektor Reinhard Seeliger. Viele Menschen aus Gemeinde, Stadt und Musikleben waren gekommen, um ihm für sein jahrzehntelanges Wirken in der Görlitzer Kirchenmusik zu danken. Die festliche Stimmung spiegelte sich nicht nur im würdevollen Rahmen des Gottesdienstes wider, sondern vor allem in der Musik: Die Bachkantate 76 von Johann Sebastian Bach erklang in eindrucksvoller Besetzung mit Sängerinnen und Sängern des Bachchores Görlitz, der Kantorei der Evangelischen Innenstadtgemeinde, ehemaligen Studierenden der Hochschule für Kirchenmusik sowie Solisten und Musikern der Neuen Lausitzer Philharmonie. Das Zusammenspiel von Orchester, Cembalo und Orgel verlieh dem Abend eine besondere Tiefe und zeigte einmal mehr, wie sehr Reinhard Seeliger die musikalische Landschaft der Stadt geprägt hat.
Ein Leben für die Kirchenmusik
Im Anschluss wurde Reinhard Seeliger offiziell aus seinen Ämtern in den Ruhestand verabschiedet. Er war Dozent an der Evangelischen Kirchenmusikschule Görlitz, später Rektor der ehemaligen Hochschule für Kirchenmusik. Seit 1990 wirkte er als Kantor in der Peterskirche und stand zudem an der Spitze des Bachchores sowie der Görlitzer Bachwochen, die er seit 1996 leitete. Viele dieser Aufgaben prägte er über Jahrzehnte hinweg mit großem Engagement – und mit einem hohen musikalischen Anspruch, der weit über die Region hinausstrahlte. Gedankt wurde ihm auch für sein leidenschaftliches Wirken als „Meister der Sonnenorgel“, einem Instrument, das mit seinem Namen untrennbar verbunden ist.
Gratulanten aus Nah und Fern
Unter den zahlreichen Gästen befand sich auch Professor Matthias Eisenberg, der Seeliger bereits während seiner Studienzeit an der Hochschule für Musik in Weimar prägte und später zu einem engen musikalischen Wegbegleiter wurde. Nach Meisterkursen in Budapest und Prag folgten für Seeliger zahlreiche Konzerte im europäischen Ausland, in Kanada und in den USA. CD-Aufnahmen, Rundfunk- und Fernsehproduktionen kamen hinzu und machten ihn auch außerhalb Deutschlands bekannt.
Görlitz bleibt sein Lebensmittelpunkt
Trotz all dieser Tätigkeiten blieb Görlitz sein Lebensmittelpunkt. Die Sonnenorgel, die er gemeinsam mit Eisenberg nach 1990 konzipierte und weiterentwickelte, bezeichnet er bis heute als „seine“ Orgel. Auch im Ruhestand will er sie weiterhin spielen – sofern, wie er scherzhaft hinzufügte, sein Nachfolger ihn nicht „vertreibt“. Doch Regionalkantor Fabian Kiupel, seit Kurzem im Amt, weiß die Expertise und Unterstützung seines Vorgängers wertzuschätzen. Der beliebte „Orgel Punkt 12“, ein regelmäßiges Orgelkonzert in der Görlitzer Peterskirche, profitiert von erfahrenen Organisten.
Sonnenorgel als Herzstück
Die Entstehungsgeschichte der Sonnenorgel reicht bis in die Zeit ihrer grundlegenden Sanierung in den 80er Jahren zurück. Eine Arbeitsgruppe aus Orgelsachverständigen – darunter Landeskirchenmusikdirektor Rolf Lammert, der junge Kantor Reinhard Seeliger und Professor Matthias Eisenberg – plante den Neubau. Seeliger entdeckte im Archiv die historische Disposition des berühmten Orgelbauers Eugenio Casparini, der die ursprüngliche Orgel gemeinsam mit seinem Sohn Adam Horatio zwischen 1697 und 1703 geschaffen hatte.
Diese Entdeckung wurde zur Grundlage für das neue Klangkonzept. Seeliger wurde später Vorsitzender des Freundeskreises Görlitzer Sonnenorgel, Hauptinitiator des Neubaus und seit 1997 offiziell Organist des Instruments. Darüber hinaus engagierte er sich als Orgelsachverständiger, Jurymitglied bei internationalen Wettbewerben und als Vorsitzender eines Vereins, der sich der Erforschung und Erhaltung schlesischer Orgeln widmet. Dass die Kreuzkirche an diesem Abend so voll war, wundert daher niemanden. Menschen aus Kirche, Kultur und Stadtgesellschaft kamen zusammen, um die Verdienste eines Mannes zu würdigen, der das musikalische Leben der Stadt Görlitz nachhaltig geprägt hat. In seinem Grußwort sprach Oberbürgermeister Octavian Ursu (CDU) von einer Ära, die mit Seeligers Abschied zu Ende gehe. Als ehemaliger Berufstrompeter bot er ihm zugleich augenzwinkernd an, künftig wieder gemeinsam zu musizieren und damit alte Traditionen aufleben zu lassen.



