Gefängnisseelsorger Manfred Lösch sagt: Kirche ist gefragt, wo es Menschen schwer fällt, eine Perspektive für ihr Leben zu finden. Der Ruheständler arbeitet ehrenamtlich im Offenen Vollzug.
Sibylle Sterzik/dk: Herr Lösch, Sie führen seit vielen Jahren im Ruhestand Ihre Arbeit als Gefängnisseelsorger ehrenamtlich weiter. Was ist Ihnen an dieser Arbeit wichtig?
Manfred Lösch: Schon vor Beginn meines Theologiestudiums ist mir im Rahmen gemeindlicher Jugendarbeit – besonders mit randständigen Jugendlichen – deutlich geworden, wie sehr Kirche gerade dort gebraucht wird, wo Menschen allein nur schwer eine tragfähige Perspektive für ihr Leben finden. Seit 1984 bin ich als Gefängnisseelsorger tagtäglich Inhaftierten begegnet, die oft alles verloren haben und einen Neustart meistern müssen. Was sie brauchen, ist eine möglichst unvoreingenommene Aufmerksamkeit. Die und Hilfe zur Orientierung kann Seelsorge anbieten, in Ergänzung zu all dem, womit der Strafvollzug sich um Resozialisierung bemüht.
Welche Erlebnisse motivieren Sie besonders nach fast 40 Jahren immer noch weiterzumachen, Mitgefühl zu zeigen?
Das Wichtigste ist für mich: Ich erfahre immer neu, dass mein Dienst als ein Segen erlebt wird, von Inhaftierten, von Angehörigen, von Bediensteten der Justiz, vom Gefängnis insgesamt. Ganz viele Inhaftierte hatten bisher nichts mit Kirche zu tun. Ein großer Teil hat einen mir fremden kulturellen oder auch religiösen Hintergrund. Umso erstaunlicher ist, mit wie viel Vertrauen und Offenheit sehr viele Inhaftierte mir als Seelsorger begegnen. Und dass mein Leitwort aus 1. Mose 12: „Ich will dich segnen und du sollst ein Segen sein“ offenbar auch im Ruhestand gilt …
Wie geht es Ihnen denn dabei mit dem Motto der diesjährigen Fastenaktion? Geht denn Strafvollzug, geht Freiheitsentzug ganz ohne Härte?
Natürlich nicht! Freiheitsentzug – oft für viele Jahre – ist sogar eine außergewöhnliche Härte. Sie ist letztlich veranlasst durch Straftaten und nach sorgfältiger Prüfung in ihrem Umfang für erforderlich gehalten durch ordentliche Gerichte. Aber dann kommt es darauf an, diese Zeit in der richtigen Weise zu nutzen, damit so etwas gelingen kann, was wir kirchlich oft mit Begriffen wie Buße und Umkehr bezeichnen. Dazu braucht es aber eben nicht zuerst Härte, sondern – wie gesagt – eine möglichst unvoreingenommene Aufmerksamkeit und Mitgefühl. Und ganz entscheidend für einen Neustart in ein künftig straffreies Leben ist, dass wir alle die Härte kritisch überprüfen, mit der wir ganz regelmäßig Strafentlassenen begegnen – und das möglichst nicht nur sieben Wochen lang!
Gibt es denn keine hauptamtliche Stelle für die Gefängnisseelsorge im offenen Vollzug in Berlin?
In der Tat reichen die Stellen im Stellenplan der Landeskirche nicht aus, um den Bedarf in der Gefängnisseelsorge in sieben Justizvollzugsanstalten in Berlin an 13 Orten mit insgesamt rund 4200 Haftplätzen zu decken. Der Offene Vollzug für Männer in vier Teilanstalten mit insgesamt 884 Haftplätzen ist sozusagen leer ausgegangen. Freilich ist der Teil der sogenannten Freigänger im Offenen Vollzug zumindest werktags außerhalb der Anstalten im Beruf, aber das sind längst nicht alle und auch bei denen gibt es ein vielfältiges Bedürfnis der Begleitung auf dem Weg zur Entlassung.
Wie wird die Seelsorge im Gefängnis denn bisher finanziert? Und wer unterstützt Ihre Arbeit?
Im Land Brandenburg werden die Personalkosten vom Staat refinanziert. In Berlin haben seit zwei Jahren erstmals beide große Kirchen vom Senat einen Zuschuss für die Personalkosten erhalten. Da die Zuschusssumme aber nicht für einen längeren Zeitraum festgeschrieben ist, können daraus bisher keine weiteren Stellen errichtet werden. Für den Offenen Vollzug ist da vorerst nichts zu erwarten.
Immerhin gibt es den von der Landeskirche unabhängigen Förderverein „Kirche im Gefängnis“ (KiG e.V.), der meinen Dienst mit einem Sachkostenzuschuss unterstützt. Der Verein bringt aus Mitgliedsbeiträgen, Spenden, Kollekten und Erlösen von Benefizkonzerten vor allem Honorarmittel für die personelle Stärkung der Gefängnisseelsorge auf. Diesen Verein habe ich 1998 mitbegründet – und noch bin ich auch der Vorsitzende.
Was wünschen Sie sich für die Zeit nach Ihrem Ausscheiden? Was müsste passieren, damit Sie gut aufhören können und die Arbeit trotzdem weitergeht?
Zunächst bin ich dankbar, dass unter meiner „Anleitung und Aufsicht“, wie es offiziell heißt, derzeit bereits sechs weitere qualifizierte Ehrenamtliche in den Anstalten des Offenen Vollzugs aktiv sind. Das dürfen gern noch mehr werden. Aber weiterhin hoffe ich, dass es auch bald eine/n haupt- oder nebenamtliche/n Seelsorger/in für den Offenen Vollzug gibt. Und natürlich hoffe ich auf neue Mitglieder, Förderer und Förderinnen.
Infos zum Verein zur Förderung der Gefängnisseelsorge in Berlin und Brandenburg gibt es hier.



