von Uli Schulte Döinghaus
Die Kinderkathedrale mit dem Namen Friedensinsel ist ein Projekt des Berliner Kirchenkreises Steglitz von Kindern für Kinder: Von April bis Juli können junge Menschen von 5 bis 12 Jahren und ihre Familien diesen Ort entdecken. Derzeit entwickelt ein Kinderrat das Programm, die Raumgestaltung und die inhaltlichen Schwerpunkte. Ein Besuch vor Ort.
Nike (9) bringt es auf den Punkt, und alle im Kinderrat stimmen zu: „Ich finde es wichtig, dass Kinder mitentscheiden. Weil, wenn Erwachsene entscheiden, dann denken die meistens nur das, was sie denken, nicht so, wie das den Kindern vielleicht gefällt.“ An diesem Freitagnachmittag wollen sie im Kinderrat unter anderem über die großen Feste beraten, die in der Kinderkathedrale mit dem Namen Friedensinsel gefeiert werden: Eröffnung, Abschlussveranstaltung, dazwischen ein Tauffest.
Die drei Events, über deren Ausgestaltung der Kinderrat heute mitentscheidet, stecken den Rahmen für die Kinderkathedrale ab. Ein Vierteljahr lang, vom 18. April bis zum 5. Juli, wird der Kirchenraum der Patmos-Kirche in Berlin-Steglitz optisch und inhaltlich von dem dominiert, was Kinder aus ihm machen. „Bei all unseren Überlegungen wollen wir keine Scheinbeteiligung“, sagt Stefanie Conradt. Sie ist Kreisbeauftragte für die Arbeit mit Kindern und Familien im Kirchenkreis Steglitz und verantwortlich für das Projekt.
Kinderrat verfügt über eigenes Budget
Der Kinderrat ist ein Gremium aus derzeit elf engagierten Kindern im Alter von 8 bis 11 Jahren und steht im Zentrum der Kinderkathedrale. Nach ausführlichen Beratungen war es der Kinderrat, der sich für den Namen „Friedensinsel“ entschied. Die Mitbestimmung der Kinder äußert sich auch finanziell: Der Kinderrat verfügt über ein eigenes Budget, über dessen Verwendung die Kinder eigenständig beraten.
Angehende Architekten und Bühnenbildner helfen mit
Der Studiengang Architektur/Bühnenbild der Technischen Universität Berlin unterstützt das Projekt bei der Umgestaltung des Kirchenraums. Studentinnen und Studenten präsentieren dem Kinderrat demnächst ihre Entwürfe, und die Kinder entscheiden als „Bauzuständige“, ob die Modelle ihren Vorstellungen entsprechen – oder nicht. Die Studierenden müssen mit einer Jury rechnen, die weiß, was sie will – und fair diskutiert.
Darauf weisen die detaillierten Ideen hin, die an diesem Freitagnachmittag aus der Mitte des Kinderrats kommen. Beispielsweise hat er vorgeschlagen, eine zweite Ebene in die Kirche einzuziehen, damit die Erwachsenen weiterhin ihre Gottesdienste feiern können. Sogar an einen Fahrstuhl für ältere Gemeindeglieder dachten sie. Erwachsene müssen mit Ungewohntem rechnen, vielleicht mit Irritation.
Kitas und Schulen vormittags eingeladen
Auf einem „Steckbrief“, der als DIN-A1-Poster an der Wand lehnt, stellen sich die Mitglieder des Kinderrats selbst vor. Lea, Hobbys: Hockey spielen und Schwimmen, findet den Kinderrat toll, „weil man mitentscheiden darf, wie die Kirche aussieht“. Amalia, Hobbys: Fußball und Klavierspielen, „kann den Kinderrat sehr empfehlen“, schreibt sie in ihren Steckbrief.
In den 11 Wochen der Durchführungsphase ist der Raum unter der Woche vormittags für Kitas und Schulen reserviert. Sie werden in dieser Zeit zu einem von fünf Themen spielen und lernen, die sich auf Frieden beziehen. An den Nachmittagen und Wochenenden wird ein Mix aus Aktionen, Aufführungen und kreativen Familiengottesdiensten stattfinden. Auch eine Predigtreihe für Erwachsene zum Thema Frieden ist geplant.
Die „Friedensinsel“ Patmos geht auf diverse „Kinderkathedralen“ in Deutschland zurück, zum Beispiel in Frankfurt/Main oder Hildesheim. Vorbild ist auch ein Projekt im schwedischen Göteborg.
Trotz des pädagogischen Fokus bleibt der religiöse Kern gewahrt. Auf der Friedensinsel sollen auch spirituelle Fragen Platz haben. Ziel ist es, Kirche als einen Ort zu erleben, an dem Gemeinschaft, Spiel und das „Innenwachsen“ – so sagt es Emma, Mitglied des Kinderrats – möglich sind.
Neben den Festen geht es am heutigen Kinderratstag um ein einladendes Design im Außenbereich der Kirche. Ein großes Werbebanner, das den Aufgang zur Kirche markieren soll, könnte die Friedenstaube Frieda zieren. Sie könnte den Weg zum Innenraum zeigen.
Vorreiter in der Landeskirche
Das Projekt ist offen für alle Kinder – eine gewisse Aufmerksamkeit hat es schon jetzt in den umliegenden Schulen und Kindergärten bekommen. Dort wurden Fragebögen zum Thema Frieden ausgegeben – und sie kamen in unerwartet hoher Zahl ausgefüllt zu den Initiatorinnen der Friedensinsel zurück. Stolz reckt Stefanie Conradt einen dicken Stapel Blätter in die Luft.
Die Arbeitsgruppen des Kinderrats – Eröffnung, Tauffest, Abschluss – sind jetzt dabei, ihre Vorstellungen zu formulieren und aufzuschreiben. Es geht um die Gästeliste, den genauen Ablauf der Eröffnung und um eine Rede des Kinderrates – aber natürlich auch um Spielangebote und Essen. Ein Buffet ist im Gespräch, zu dem die Kinderratskinder selbst beitragen wollen.
Probelauf für die Landeskirche
Die Kinderkathedrale in der Patmos-Kirche wird als „Probelauf“ für die gesamte Landeskirche gesehen, um Kinder stärker in Entscheidungen einzubinden. Pfarrerin Franziska Matzdorf sieht darin auch einen gesellschaftlichen Auftrag: „Kinder haben in dieser Gesellschaft keine Lobby. Es ist ein gesamtgesellschaftlicher Prozess, Kinder mehr zu beteiligen, und das müssen wir auch in der Kirche machen.“



