junge Frau mit einer Jacke und kurzen Haaren
Josephine Furian, Pfarrerin und Seelsorgerin in einer Erstaufnahmestelle für Geflüchtete in Eisenhüttenstadt Foto: privat

Letzte Chance „Kirchenasyl“

Ein „offenes Gefängnis“, so sehen die Geflüchteten das Dublin-Zentrum in Eisenhüttenstadt

In einem offenen Brief kritisierten Geflüchtete kürzlich die Zustände im Dublin-Zentrum in Eisenhüttenstadt. Die Menschen fürchten sich, nach Polen abgeschoben zu werden. Josephine Furian erzählt über die Stimmung vor Ort und warum Kirchenasyl ein zentraler Auftrag für Kirche ist. Sie ist Seelsorgerin in der Erstaufnahmeeinrichtung und Pfarrerin für Flüchtlingsarbeit im Sprengel Görlitz.

Frau Furian, was hat sich seit der Veröffentlichung des Briefes verändert?

Josephine Furian: Ein Erfolg ist die Stärkung der Gemeinschaft der Bewohnenden des Dublin-Zentrums. Sudanesische, somalische, kenianische, tschetschenische, kurdische und kamerunische Menschen, queer und hetero, kamen zusammen. Der Brief zeugt von Übersetzungsleistung und Geduld miteinander, von Fürsorge und vor allem von Mut. Denn sie sprechen Missstände der Einrichtung an, auf die sie angewiesen sind. Die Gemeinschaft besteht immer noch. Zum Beispiel bekomme ich besorgte Nachfragen über den Verbleib von X nach einer Abschiebung, ob ich Kontakt zu ihr habe und wie es ihr geht. Ein weiterer Erfolg sind die Nachfragen der Journalist*innen bei der Zentralen Ausländerbehörde und dem Brandenburger Innenministerium. Das zeigte den Behörden und den Schutzsuchenden, dass potenziell rechtswidrige Schritte von Teilen der deutschen Zivilgesellschaft genau und kritisch beobachtet werden.

Wie ist aktuell die Situation?

Leider gibt es aber immer noch für Menschen im Dublin-Verfahren die Begrenzung der Bewegungsfreiheit auf Eisenhüttenstadt, Nachtzeitverfügungen und Leistungsstreichungen. Die Auflagen fühlen sich faktisch wie Freiheitsentzug an. Schutzsuchende sagen zu mir, sie leben in einem „offenen Gefängnis“.

Inwiefern schränkt das ihr Recht ein, ihre Religion frei auszuüben?

Die Auflage führt dazu, dass es Bewohner*innen nicht erlaubt ist, den pentecostalen Gottesdienst auf Kisuaheli zu besuchen, denn der findet eben nur in Berlin statt. Der ist aber eine Hauptressource zum Nichtverzweifeln. Das zu verhindern verletzt das Recht auf Ausübung ihrer Religionsfreiheit.

Wie sieht Ihr Alltag in Eisenhüttenstadt aus?

Mit meiner muslimischen Kollegin Alham Alnatour teile ich mir den muslimisch-christlichen Seelsorgeraum, den wir dank der Zentralen Ausländerbehörde nutzen können. Ich bin jeden Dienstag da und führe mindestens fünf bis sieben Einzelgespräche. Ich biete am späten Nachmittag noch eine Bibelarbeit an. Die Anliegen sind sehr unterschiedlich und reichen von Kirchenasylanfragen, Verweisberatung über Entlastungs- bis hin zu Glaubensgesprächen. Gemeinsam feierten wir Iftar und führen bestärkende und gut besuchte „Songs of Hope“-Workshops mit der befreiungstheologisch arbeitenden Kantorin Flois Knolle-Hicks durch.

Zwei Drittel Ihrer Arbeit macht mittlerweile das Kirchenasyl aus. Wie viele Kirchenasyle gibt es derzeit in der Landeskirche?

Von Januar bis Juli 2025 gab es in Berlin 55 Kirchenasyle mit 86 Personen (davon 25 Kinder). In Brandenburg 30 Kirchenasyle mit 39 Personen (davon 6 Kinder). Ich berate die Pfarrer*innen bei den formalen Abläufen, bei der Bedarfsklärung und unterstütze sie bei der Verfassung der Härtefallbegründung.

Kritiker werfen der Evangelischen Kirche vor, leichtfertig Kirchenasyl zu gewähren. Was erwidern Sie?

Kirchenasyl ist eine christliche und menschenrechtswahrende Tradition. Es ist keineswegs systematisch missbräuchlich, sondern immer eine Einzelfallprüfung. Die Beratenden und Gemeindekirchenrät*innen prüfen sorgfältig, ob ein Härtefall vorliegt. Leichtfertig übernimmt keine Gemeinde die Verantwortung. Warum wir das tun? Schutzsuchende werden an Europas Grenzen brutal zurückgedrängt, zum Teil in geschlossenen Einrichtungen untergebracht oder der Obdachlosigkeit ausgeliefert. Wenn staatliche Stellen ihrer Schutzverpflichtung nicht nachkommen, wenden sich Menschen verzweifelt an uns.

In welchem Fall wurde Kirchenasyl gewährt?

Zum Beispiel nahm eine Gemeinde eine Kongolesin ins Kirchenasyl auf, die direkt aus dem Krieg kam, dort Opfer von Menschenhandel wurde und unter einer schwergradigen Depression und unter posttraumatischer Belastungsstörung leidet. Sie sollte nach Polen abgeschoben werden. Aber da wurde sie direkt nach Äußerung des Asylgesuchs inhaftiert. Ihr wurde das Handy abgenommen. Zugang zu einem internetfähigen Computer erhielt sie 30 Minuten pro Tag. Nachts schlugen die Bediensteten auf die Eisentüren. Zum Arzt wurde sie in einem geschlossenen Auto mit Handschellen gebracht. Nach Suizidversuchen wurde sie entlassen. Sie floh weiter nach Deutschland, um dort Asyl zu beantragen. Die deutsche Bundespolizei drängte sie aber rechtswidrig zurück. Von der polnischen Polizei wurde sie entkleidet – mit dabei eine Kamera. Nach der Entlassung sollte sie sich mittellos und ohne Ticket nach Warschau begeben in eine offene Einrichtung. Sie floh wieder nach Deutschland. Statt Schutz zu erhalten, sollte sie aus dem Dublin-Zentrum abgeschoben werden. Seitdem sie ins Kirchenasyl kam, stabilisiert sie sich nicht nur, sondern sie blüht auf.

Die Stimmung gegenüber Geflüchteten ist angespannt. Was kann Kirche tun?

Wie würden wir mit ständig drohender rassistischer Gewalt oder Beleidigungen umgehen? Wie mit der strukturellen Erniedrigung durch Bezahlkarte, Nachtzeitverfügung und Beschäftigungsverbot? Wie damit umgehen, dass jeden Morgen um 4 Uhr zehn Polizist*innen im Schlafzimmer stehen könnten, um eine Abschiebung durchzuführen? Was würden wir unseren Kindern sagen? Umso dankbarer bin ich für die Gemeinden, die auf der biblischen Gastfreundschaft und dem Asylrecht beharren. Mit Kirchenasyl, mit Flüchtlingscafés wie in Frankfurt/Oder, Spremberg und Niesky oder dem Bezahlkartentausch wie in Seelow und Fürstenwalde Süd, lassen sie dem Glauben Taten folgen. Gemeinschaft, Fürsorge und Nächstenliebe werden hier erfahren. Das ermutigt viele über die Region hinaus – ob sie Christ*innen sind oder nicht, ob sie geflüchtet sind oder nicht. Die sogenannte Willkommenskultur von 2015 wurde wesentlich von Kirchen verwirklicht. Trotz mancher Diskreditierung werden wir daran weiterarbeiten.

Die Fragen stellte Constance Bürger.

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