Das Deutsche Historische Museum Berlin begibt sich in einer Ausstellung „Natur und Deutsche Geschichte“ in das Spannungsfeld von Glaube, Biologie und Macht.
von Klaus Büstrin
Wie haben Glaube, Macht und Wissenschaft den Blick auf die Natur geprägt? Die Sonderausstellung „Natur und deutsche Geschichte“ im Deutschen Historischen Museum Berlin spannt einen Bogen über 800 Jahre – von Hildegard von Bingen bis zur Umweltbewegung der 70er-Jahre. Anhand von 250 Objekten zeigt sie, wie Menschen Natur deuteten, nutzten, schützten und missbrauchten – und wie eng Naturvorstellungen stets mit Politik und Gesellschaft verbunden waren.
800 Jahre Deutsche Geschichte zum Thema Natur
Die Beziehungen von Mensch und Natur sind vielfältig. Weltweit sind Menschen als Akteure auf geologischer Ebene zumeist sehr einflussreich, vor allem, weil sie die Fähigkeit besitzen, die atmosphärischen Systeme der Erde zu beeinflussen. Mit dem Titel „Natur und deutsche Geschichte“ werden keine politisierenden Vorschläge innerhalb der aktuellen Debatte zur Verbesserung des oftmals problematischen Umgangs der Deutschen mit der Natur gemacht. Die Schau zeigt Wahrnehmung, Verständnis sowie Beherrschung und Verwertung aus 800 Jahren Geschichte: von den Schriften der Äbtissin Hildegard von Bingen im 12. Jahrhundert bis zum Entstehen der Umweltpolitik in den 70er-Jahren des 20. Jahrhunderts. Eine riesengroße und bewundernswerte Aufgabe, die die Kuratorin Julia Voss übernahm und zu einem Bilderreigen mit fünf Themenräumen lebendig werden lässt.
Hildegard von Bingen – erste Grünenpolitikerin?
Im Fokus des Themenraums zum Mittelalter steht Hildegard von Bingen (1098–1179). Nur wenige Frauen jener Zeit waren so öffentlichkeitswirksam wie die Äbtissin des Benediktinerinnenklosters Rupertsberg im Hunsrück. In ihren illustrierten Handschriften findet man die Vision, dass Leib und Seele, Welt und Kirche, Natur und Gnade in die Verantwortung des Menschen gestellt sind. Der Mensch sollte den Dienst der göttlichen „Grünkraft“ – lateinisch „viriditas“ – annehmen – ein zentrales Konzept in der Natur- und Heillehre der Mystikerin. Der Dienst an der Natur sei Gottesdienst und mit ihren vielfältigen Gaben könne man Heilung erfahren.
Natur für Profit genutzt
Das Handelshaus der Familie Fugger in Augsburg hat die Natur für seine riesigen Geschäfte entdeckt, um noch größeren Reichtum zu erlangen. Nicht nur im Bergbauwesen war es aktiv, sondern es kaufte auch ganze Gewürzladungen aus Asien auf und verkaufte sie an der Antwerpener Börse zu Höchstpreisen weiter. In der Ausstellung unterstreicht ein Erdglobus (1492) den weltumspannenden Handel der einflussreichen Kaufmannsfamilie.
Vom Natur- und Tierschutz
Die Zerstörung von Städten und Dörfern, das gewaltsame Auslöschen des Lebens von Menschen im Namen von Religionen symbolisierte während des Dreißigjährigen Kriegs der Wolf. Auf das Krafttier wurde die Verkörperung der plündernden und mordenden Soldaten projiziert. Ein Flugblatt aus dem Jahr 1630 zeigt die Abbildung des „unbarmhertzigen abschewlichen grausam und grewlichen Thiers“. Von „Naturschutz“ und „Naturschutzdenkmalpflege“ war schon im 19. Jahrhundert, zur Zeit der Industrialisierung, die Rede. Bereits Kinder sollten intensiv mit der Natur vertraut gemacht werden, denn sie sei die beste Erzieherin, so der Pädagoge Friedrich Fröbel, der 1840 in Bad Blankenburg den ersten Kindergarten eröffnete. Seine „Mutter- und Kose-Lieder“ und die bis heute beliebten Holz-Bauklötzchen gelten seither als anerkannte Anleitung für das Spielen in und mit der Natur.
Pädagoge Friedrich Fröbel legte wert auf naturnahe Erziehung
Der preußische Staat reagierte zunächst mit einem Verbot. Zu revolutionär und atheistisch erschien ihm die „natürliche“ Kleinkind-Erziehung. Doch in Preußen setzte man Anfang des 20. Jahrhunderts Einiges für den Schutz der Natur neu in Gang. Hugo Conwentz hat als Leiter der „Staatlichen Stelle für Naturdenkmalpflege in Preußen“ in Danzig eine Übersicht der Naturdenkmäler in Westpreußen und deren Gefährdung in einem Buch veröffentlicht.
Natur und Politik
Die Idee von der Norm einer „deutschen Natur“ wollten die Nationalsozialisten mit brutalen Mitteln umsetzen. Ab 1933 wurden Bevölkerung und auch Landschaften diesem ideologischen Naturbegriff unterworfen. Die „Nürnberger Gesetze“ und das „Reichsnaturschutzgesetz“ waren aufeinander bezogen und wurden 1935 erlassen.
In den 70er Jahren zeigten sich in beiden deutschen Staaten die Folgen der industriellen Tierhaltung, intensiv bewirtschafteten Landschaften und verschmutzten Luft. Als Antwort darauf entstand ein neues Wort: „Umweltschutz“. Die Ausstellung endet mit einer der ersten demokratischen Bewegungen für den „Umweltschutz“ in Wyhl am Kaiserstuhl, als gegen den Bau eines Atomkraftwerks protestiert wurde. Sie wurden zum Vorbild für politische Bewegungen weltweit.
Natur und deutsche Geschichte, Deutsches Historisches Museum Pei-Bau, bis 7. Juni, täglich von 10 bis 18 Uhr.



