Unter dem Titel „Was für ein Schatz! Ehrenamtliche in unserer Kirche“ hat der Berliner Kirchenkreis Tempelhof-Schöneberg seine Ehrenamtlichen befragt. Die Studie ist deutschlandweit einzigartig.
Von Uli Schulte Döinghaus
Berlin. Ulrike Bruckmann engagiert sich ehrenamtlich in der Evangelischen Kirchengemeinde Mariendorf-Ost. „Für mich ist es ein vierblättriges Glückskleeblatt“, sagt sie. Privatleben, Beruf und Ehrenamt würden ergänzt durch das Erleben von Spiritualität. Das Glückserleben der Ulrike Bruckmann ist der Schlusspunkt einer Studie, die als Bericht zum Ehrenamt im Kirchenkreis Tempelhof-Schöneberg erschienen ist. Titel der 17-seitigen Arbeit: „Was für ein Schatz! Ehrenamtliche in unserer Kirche“. Koordinator und Mitverfasser: Michael Volz, Ehrenamtsbeauftragter des Kirchenkreises, seit kurzem im Ruhestand.
Die kleinteilige Studie des Kirchenkreises, einzigartig in der EKBO und im deutschsprachigen Raum, geht auf Initiativen des Konvents der Ehrenamtsbeauftragten aus den 16 Gemeinden des Kirchenkreises zurück. Ihr Ziel war es unter anderem, erstmals Zahlen zu erheben, Ehrenamtliche selbst zu Wort kommen zu lassen und Räume für Austausch zu schaffen. Superintendent Michael Raddatz: „Wir sichern Erfahrungswissen und überprüfen den Zustand und die Zukunft des Ehrenamts kritisch.“
Studie: Geringer Anteil junger Ehrenamtlicher
Ehrenamt wird definiert als freiwilliges, gemeinwohlorientiertes, unentgeltliches und verbindliches Engagement, das organisatorisch eingebunden ist. Unterschieden wird zwischen offiziell beauftragten, registrierten Ehrenamtlichen, die regelmäßig und verantwortlich Aufgaben übernehmen, und sogenannten helfenden Händen, die sich spontan und punktuell einbringen. Auch Chormitglieder gelten als Ehrenamtliche, weil sie die kulturelle Dimension des kirchlichen Engagements mitgestalten.
15 von 16 Kirchengemeinden im Kirchenkreis nahmen an der Studie teil. Insgesamt wurden im Kirchenkreis 1646 registrierte Ehrenamtliche gezählt. Sie verteilen sich auf alle Altersgruppen, mit Schwerpunkt in den mittleren und älteren Jahrgängen. Menschen zwischen 51 und 80 Jahren dominieren, gering fällt der Anteil junger Ehrenamtlicher aus. Frauen stellen – erwartungsgemäß – die Mehrheit. Während man in der Kirche oft ein Leben lang dabei ist, wie der Kirchenkreisbericht belegt, kämpfen säkuläre Organisationen wie das Deutsche Rote Kreuz mit einer noch stärkeren Fluktuation bei Jüngeren.
Viele Ehrenamtliche sind in mehreren Bereichen gleichzeitig tätig
In den Kirchen in Tempelhof-Schöneberg engagieren sich viele Befragte in zwei, drei oder sogar noch mehr Bereichen gleichzeitig. Viele sind seit über zehn oder gar 40 Jahren aktiv, was die Gefahr von Ämterhäufung und Überlastung birgt. Das entspricht auch überregionalen Befragungen des Sozial-wissenschaftlichen Instituts der EKD: Danach übernimmt ein einziger Ehrenamtlicher in einer typischen Gemeinde im Schnitt 4,3 verschiedene Aufgaben – vom Kirchenvorstand bis zum Kaffeekochen. Die Konsequenz: Die klassische Ehrenamtsbiografie – jemand engagiert sich ab Ende 30, wenn die Kinder aus dem Betreuungsalter heraus sind, und bringt im Ruhestand viel Zeit ein — sei unsicher geworden, sagt Raddatz. „Ob dieses Modell in fünf Jahren noch trägt, wird sich zeigen.“
Deutlich wird in der Umfrage, was Ehrenamt heute gelingen lässt: verlässliche Ansprechpersonen, gute Kommunikation, klare Aufgaben, Gestaltungsspielräume, Teamgeist und eine Kultur des Dankes. Ebenso klar benennen die Teilnehmenden aber auch Belastungen, etwa überhöhte Erwartungen, Zeitdruck, mangelnde Abstimmung, Konflikte oder das Gefühl, mit Verantwortung allein gelassen zu werden.
Als wichtigste Motive fürs Engagement nennt die Studie Spaß, Gemeinschaft und Sinnhaftigkeit. Beruflicher Nutzen spielt eine untergeordnete Rolle. Der religiöse Kern des kirchlichen Engagements ist eher latent präsent. „Sichtbar wird das Kirchliche vor allem in Andachten, Rüstzeiten und ritualisierten Elementen wie gemeinsamem Singen, Gebet und Segen. Das nehmen auch Außenstehende als prägend wahr, als Allein-stellungsmerkmal im Vergleich zu säkularen Engagements“ sagt Raddatz.
Studie zum Ehrenamt: 61 Prozent fühlen sich nur teilweise wertgeschätzt
Gebraucht und wertgeschätzt zu werden, das beflügelt das Ehrenamt, trägt zur Attraktivität bei. Die meisten Befragten können sich darüber nicht beklagen, aber immerhin 61 Prozent fühlen sich nur teilweise wertgeschätzt. Superintendent Raddatz vermutet: „Ehrenamtliche laufen Informationen oft hinterher, fühlen sich manchmal bewusst aus Kreisen herausgehalten und ausgeschlossen.“ Beklagt wird das Phänomen der „Fraktionierung“ – eingeschlossene, sich selbst reproduzierende Gruppen – als ein lang bekanntes Problem, das Innovationen bremst und neue Interessenten zweifeln lässt.
Freiwillige im kirchlichen Ehrenamt lieben ihr Tun, sind stolz darauf und bringen es gerne in ihren Alltag ein, das belegt die Studie des Kirchenkreises. Sie bestätigt in Teilen den 6. Deutschen Freiwilligensurvey, den die Bundesregierung als Bericht zur Lage von Engagement und Ehrenamt im vergangenen November veröffentlicht hat. Das Fazit des bundesweiten Surveys könnte im Kirchenkreis Tempelhof-Schöneberg ermittelt worden sein: Danach zeigen freiwillig Engagierte bei ihrer Tätigkeit eine hohe Beständigkeit. Und mehr als zwei Drittel aller bundesdeutschen Freiwilligen geben an, ähnlich wie in den Kirchen, ihr Engagement unverändert fortsetzen zu wollen.
Ohne Ehrenamtliche wäre im Kirchenkreis vieles kaum zu stemmen
Manche kirchliche Freiwilligenjobs sind so unsichtbar wie wertvoll. Unverzichtbar sei ehrenamtliches Fachwissen in Leitungsstrukturen, beispielsweise im Kreiskirchenrat, sagt Michael Raddatz. Ehrenamtliche brächten wertvolle Kompetenzen ein, die der Kirchenkreis weder selbst vorhalten noch ohne Weiteres einkaufen könne – etwa in Haushalts- und Verwaltungsfragen, Organisations- und Strukturwissen oder auch in Bereichen wie Wirtschaftsprüfung. Er rühmt auch den Nutzen von Netzwerken, etwa bei Projekten, die kontinuierlich Mittel akquirieren müssen. „Ohne solche ehrenamtlichen Ressourcen müsste sich der Kirchenkreis wie ein großer Träger mit zusätzlichen professionellen Stellen – Justiziariat, Strategie, Personalgewinnung – aufstellen, was finanziell kaum zu stemmen wäre.“
Muss das kirchliche Ehrenamt formalisiert, bürokratisiert, registriert werden? Die Frage beschäftigt kirchliche Freiwillige und wird auch in der Studie kontrovers beurteilt. Superintendent Raddatz betont, dass offizielle Ehrenamtsvereinbarungen, die auch Evaluationsgespräche und Polizeiliche oder Erweiterte Führungszeugnisse vorsehen, von vielen zwar als lästig empfunden würden, aber notwendig seien – zumal dann, wenn Freiwillige mit Schutzbefohlenen arbeiten, also mit Kindern, Jugendlichen, Senioren oder Menschen mit Behinderung. „Deren Schutz muss oberste Priorität haben.“



