Die Vorstellung, schuld am Leiden eines anderen zu sein, ist uns fremd geworden. Vielleicht zu fremd. Denn mit ihr verschwindet auch eine Sprache für Verantwortung, die wir heute dringender bräuchten denn je. Kirchenmusikdirektor Kilian Nauhaus schreibt über die Bedeutung der Passionslieder.
Von Kilian Nauhaus
Du wirst gegeißelt und mit Dorn gekrönet, / ins Angesicht geschlagen und verhöhnet, / du wirst mit Essig und mit Gall getränket, / ans Kreuz gehenket. / Was ist doch wohl die Ursach solcher Plagen? / Ach, meine Sünden haben dich geschlagen. / Ich, mein Herr Jesu, habe dies verschuldet, / was du erduldet. / O große Lieb, o Lieb ohn alle Maße, / die dich gebracht auf diese Marterstraße!
Verse wie diese – sie stammen aus dem Passionslied Herzliebster Jesu, was hast du verbrochen – verschwinden zunehmend aus unseren Gottesdiensten. Die Opfertheologie ist uns fragwürdig geworden, die schonungslose Beschreibung des Grauens von Golgatha ertragen wir nur noch schlecht, und auch das uralte „Und ich bin schuld daran“ geht uns kaum mehr über die Lippen.
Passionslieder: Von Liebe, Leid und Schuld
Ich glaube dennoch, uns entgeht etwas, wenn wir auf solche Passionslieder verzichten. Als Kunstwerk ist das zitierte Lied von hohem Rang. Es spricht und singt von Gottes Liebesopfer, dahinter stehen aber auch zeitlose menschliche Erfahrungen: Es geht um Liebe, Leid und Schuld und ihre Wechsel-
wirkungen – das kennt jeder, der lebt.
Und man kann auch Überraschungen erleben, wenn man sich auf ein solches Lied einlässt. So singen wir in einer Strophe: „Die Schuld bezahlt der Herre, der Gerechte, / für seine Knechte“. Klingt das nicht, in moderne Sprache übersetzt, fast wie: Gerechtigkeit heißt Schuldenerlass? Leistet ein altes Passionslied da plötzlich einen Beitrag zu einer höchst aktuellen Debatte?
Die Kraft der Passionslieder stärkt den Glauben
Der Text dieses Liedes stammt von dem schlesischen Dichter und Pfarrer Johann Heermann (1585–1647), der viel Leid durch den Dreißigjährigen Krieg, die Pest und familiäre Heimsuchungen erlebt hat. Die Melodie schrieb Johann Crüger (1598–1662), der hier in Berlin als Kantor an der Nikolaikirche tätig war. Sie orientiert sich am Melodietypus des Hugenottenpsalters und ist mit ihrem dunklen Mollcharakter, dem Wechsel zwischen langen und kurzen Notenwerten, den schwingenden Zeilenbögen und dem Oktavsprung, der die verkürzte Schlusszeile einleitet, von zwingender Wirkung.
Die Kraft der alten Lieder ist oft stärker als unser schwacher Glaube, das ist nicht anders als beim
Glaubensbekenntnis, das wir jeden Sonntag beten. Kirchenlieder sind neben allem anderen auch Kulturgut, künstlerische Zeugnisse christlicher Frömmigkeitsgeschichte, in deren Tradition wir stehen, mit all ihren Brüchen. Wenn wir sie nicht im Gedächtnis behalten und weitergeben, wer sollte es sonst tun? Bleiben wir eine singende Gemeinde, die weiß, dass sie auf den Schultern derer steht, die vor uns geglaubt und gesungen haben. Ihnen allen eine gesegnete Karwoche!
Kilian Nauhaus ist Kirchenmusikdirektor, Kirchenmusiker an der Französischen Friedrichstadtkirche und Senior Organist an der St. Marienkirche in Berlin-Mitte.



