An Mann im Mantel steht an einer Wandtafel
Wandtafel, die an die Kaserne der Bausoldaten erinnert mit Stefan Stadtherr Wolter

Prora und die Bausoldaten

von Stefan Stadtherr Wolter

Der Koloss von Prora wurde von den Nationalsozialisten angelegt. Eine Urlaubsanlage aus ursprünglich acht Blöcken am Strand der Ostsee auf der Insel Rügen sollte es werden. Der Zweite Weltkrieg verhinderte die Fertigstellung. Zu DDR-Zeiten entstand hier eine Groß-Kaserne, in der in den 80er Jahren auch Bausoldaten interniert waren. Dass deren Schicksale und ihr Zeugnis nicht vergessen werden, darum kämpft eine Initiative und hofft auf eine größere Beteiligung.

Bausoldaten zu protestierten 1983

Prora auf Rügen 1983: „Es war gespenstisch still im Kompaniebereich, und es fiel schwer, sich vorzustellen, wie viele Bausoldaten sich hinter den Türen aufhielten. Und dann, gegen 14.30 Uhr, geschah es. Die Türen gingen auf und nach und nach, teils zögernd, teils festen Schrittes, traten alle Bausoldaten auf den Gang, um in stiller Andacht dort zu verharren. Einige hielten brennende Kerzen in den Händen, andere beteten still. Ja, sie waren eine Gemeinschaft. Charaktere unterschiedlichster Art, aber doch in so vielen Punkten einig.“

Was sich angesichts einer drohenden Eskalation wegen der „Ohnmacht und Willkür“ in der Kaserne Prora auf der Insel Rügen abspielte, wirkt wie die Vorwegnahme der „Revolution der Kerzen“. Zunächst auf Leipzigs Straßen, erfasste sie bald die gesamte DDR im Aufbegehren gegen das Regime. Die Maueröffnung am 9. November 1989 beflügelte den Weg in die Freiheit und zu Deutschlands Einheit.

Statt Dienst an der Waffe für Bausoldaten Schwerstarbeit in Mukran

Uwe Rühle, der bereits 1989 starb, hat die zitierte Aufzeichnung heimlich in der Kaserne der Bausoldaten, heute Standort der Jugendherberge Prora, angefertigt. Er war einer jener jungen Männer, die aus Glaubens- und Gewissensgründen den Waffendienst ablehnten und deshalb in der DDR zu den Staatsfeinden gezählt wurden. Denn zu deren Doktrin gehörte der Slogan „Der Friede muss bewaffnet sein“. Dabei machten die jungen Männer, zumeist Christen, von einem Gesetz Gebrauch, das einmalig im Ostblock gewesen ist: das Dienen in den Reihen der Nationalen Volksarmee (NVA) – kaserniert, ohne Waffe.

Prora war einer von über hundert Orten, an denen die jungen Männer innerhalb der DDR zum Teil Schwerstarbeit leisteten und psychischen Repressalien ausgesetzt waren. Mit rund 15 000 Männern bildeten sie eine Minderheit. Heute gelten die Bausoldaten als Wegbereiter der Friedlichen Revolution.

Prora war der größte Standort der Wehrdienstverweigerer

Prora war mit rund 3000 jungen Männern, die von 1982 bis 1989 beim Bau des Fährhafens Mukran eingesetzt wurden, der größte Standort der Waffenverweigerer. Geplant und errichtet wurde der riesige Koloss von Prora mit seinen ursprünglich acht Blöcken als das weithin bekannte nationalsozialistische „Kraft durch Freude (KdF)-Seebad Rügen“. Der Krieg verhinderte die Fertigstellung.

Prora als Großkasern war auf keiner Landkarte der DDR zu sehen

Nach dem Zweiten Weltkrieg entdeckten die sowjetischen Befreier die Ruinen. Deren Monumentalität passte zu den Großbauten, mit denen sich Stalin verherrlichen ließ. Sie quartierten sich dort ein und steuerten heimlich den Aufbau der Armee. Zeitweilig internierten sie dort auch Grundbesitzer, etwa aus Sachsen und Thüringen. Die übrigen Blöcke standen damals noch leer und dienten als Rohstoffquelle für Eigenheime. Nach der Gründung der DDR im Jahr 1949, als der Kalte Krieg längst entbrannt war, wurden zeitgleich zum Bau der damaligen Stalinallee in Berlin fünf der Prora-Blöcke zur Großkaserne ausgebaut. Der Ort wurde hermetisch abgeriegelt und der Name Prora von den offiziellen Karten des Landes gestrichen.

Prora war eines der Zentren der Kasernierten Volkspolizei, aus der vor genau 70 Jahren die Nationale Volksarmee (NVA) hervorging. Unter den zahlreichen Militäreinheiten, die sich in der Großkaserne entfalteten, befand sich das einzige Fallschirmjägerbataillon der DDR. Es wurde 1960 heimlich aufgestellt, also kurz bevor Panzer aus Prora im August 1961 den Bau der Berliner Mauer absicherten. Auf die Fallschirmjäger folgte das Pionierbaubataillon Mukran mit Baupionieren und den Bausoldaten. Fast hätten sich jene Gegner, die in den Zimmern nacheinander hausten, im Herbst 1989 gegenübergestanden.

Heutiger Nutzer ist Jugendherbergswerk

2011 wurde in diesen Räumlichkeiten eine Jugendherberge eröffnet. Bauherr war der Landkreis Rügen, später Landkreis Vorpommern-Rügen, der sie dem Deutschen Jugendherbergswerk (DJH) übergab. Was weiß man dort heute über dessen Geschichte? Anstatt alle Nutzungsphasen zu benennen, wirbt sie mit der „Übernachtung in einem Teil des 4,7 Kilometer langen ehemaligen ‚KdF-Seebades Rügen‘“. Dabei gibt es ganz viele Geschichten, mit denen Bausoldaten zu Wegbereitern der Friedlichen Revolution wurden, ganz besonders aus Prora.

Am 6. Mai 1984 deckten Bausoldaten im Haus der heutigen Jugendherberge einen Wahlbetrug bei den Kommunalwahlen auf. Obwohl es in ihrem Wahlkreis nachweislich 94 Gegenstimmen gegeben hatte, wurden bei der Veröffentlichung des Wahlergebnisses für den gesamten Kreis Rügen nur 40 Gegenstimmen benannt.

Ein Recht auf Transparenz der Geschichte

1986 standen zwei Aktionen mit einem Gemeinschaftsraum der einstigen Kaserne in Beziehung. Auf der Suche nach der Geschichte des Raumes stieß ich auf die Hintergründe des Wandgemäldes darin – und damit auf Uwe Roscher. Er malte als Bausoldat 1986 befehlsmäßig eine Karte der Insel Rügen an die Wand. Diese spickte er mit kleinen Botschaften, welche als „Regimekritik“ übermalt werden mussten. Kurz darauf lehnte er vor jenem Bild eine Gedenkmünze zum 30. Jahrestag der NVA ab. Und murmelte: „Eigentlich will ich das Ding nicht.“ Viele dieser Gedenkmünzen warfen die Bausoldaten aus den Fenstern der heutigen Herberge. Uwe Roscher sammelte sie auf und nahm sie dann doch an sich, um „etwas Besseres zu gestalten“.

Für diesen damals einzigen Gemeinschaftsraum für 120 Mann forderte ich 2006, als sich der Bau der Jugendherberge in Prora abzeichnete, aufgrund des besonderen Wandbildes und seiner Geschichte eine Unterschutzstellung. Ich sprach für zahlreiche ehemalige Mitstreiter, die sich in meiner Autobiografie „Der Prinz von Prora“ (2005) wiedergefunden hatten – so genannt wegen meines Spitznamens in der Zwangsgemeinschaft. Im Zeitzeugenverein Denk-MAL-Prora forderten wir das Recht auf Aufarbeitung und Transparenz der Geschichte ein.

Gedenktafel erinnert an das verweigerte Gelöbnis

Die Geschichte erinnert an den Slogan „Schwerter zu Pflugscharen“ der kirchlichen Friedensbewegung der 80er Jahre. Und sie passt zur kleinen Gedenktafel, die unser Verein „Denk-MAL-Prora“ vor nunmehr 15 Jahren gegenüber der Jugendherberge anbrachte, um an die Verweigerung des Gelöbnisses auf den SED-Staat zu erinnern. Auf der Tafel ein Zitat aus einem der Briefe, die wir 1986 in jenem Gemeinschaftsraum geschrieben haben: „Wir sollten nachsprechen – alle 240 Mann schwiegen.“

Diese Tafel konnten wir nur unter politischen Widerständen vor Ort etablieren, während die Kaserne weithin nach Originalvorlagen im „KdF-Stil“ ausgebaut wurde. Selbst die Fenster der Herberge, für die Bausoldaten einst Sehnsuchtsorte in die Freiheit, wurden zwischen 2009 und 2011 wieder auf das einstige Maß gebracht. Die Räume der Stasi in der damaligen Bausoldatenkaserne mitsamt ihren noch vorhandenen Tapeten und manch anderes bauliches Detail der DDR-Zeit wurden trotz Anträgen unseres Vereins wegsaniert. Die überwiegend durch den damaligen Landkreis Rügen mit Mitteln von Bund, Land und EU errichtete Jugendherberge eröffnete trotz ihrer Größe von 400 Betten kleiner als ursprünglich geplant. Der Raum mit dem Gemälde blieb ausgeklammert – und damit die DDR-Geschichte.

Was wird aus dem Bildungszentrum?

Immerhin wurde unsere Tafel zum Fanal, die „doppelte Geschichte“ (KdF und NVA) des Ortes anzuerkennen. Doch aus dem zugesagten Bildungszentrum im einstigen Kasernenabschnitt neben der Jugendherberge, für das die Landeszentrale für politische Bildung (LpB) Schwerin die Federführung übernommen hat, ist bisher nichts geworden. Da müsste endlich eine Entscheidung fallen. Angeblich fehlen 6 Millionen Euro von 20 Millionen, die für die Einrichtung des Bildungszentrums benötigt werden. Die Jugendherberge gilt indessen als Impulsgeber für die Wiederbelebung des Ortes als Seebad im Luxussegment.

Dokumentationszentrum zu den Bausoldaten fehlt

In diesem Jahr nun wird die Jugendherberge Prora 15 Jahre alt. In all den Jahren ist es nicht gelungen, die Entwicklung ihrer Räumlichkeiten den Tagestouristen vor Augen zu führen. Diese sind fast in demselben Alter wie die damaligen jugendlichen Bausoldaten. Ein „Dokumentationszentrum“, das sich in erster Linie mit der KdF-Planungsgeschichte befasst, liegt 1,5 Kilometer von der Herberge entfernt. Während dort inzwischen einige Hochglanztafeln auch über die Geschehnisse in der DDR informieren, sucht man diese Hinweise in der Herberge vergebens. Und das, wo angesichts der Aufrüstung das hohe Gut der Gewissensfreiheit abermals zu verteidigen ist.

Der Kraft des Pazifismus ein Denkmal setzen

Die zur Nachhaltigkeit verpflichtete „Umweltherberge“, die sich ökologische Themen auf die Fahnen geschrieben hat, verkennt, welche Macht der Pazifismus einst in ihren Räumen entfaltet hat. Weder für die in Prora entstandenen künstlerischen Arbeiten aus Kreisen der oppositionellen Friedens- und Umweltbewegung der DDR noch für Bücher, wie das von Uwe Rühle, der seine Aufzeichnungen mutig aus dem Gelände geschmuggelt hat, findet sich ein Platz. Wie ließen sich all diese Themen verbinden? Es bleibt eine Herausforderung auch der kirchlichen Bildungsarbeit, in Prora an den elementar friedensstiftenden Beitrag der Christinnen und Christen zu erinnern – ob in der Jugendherberge oder in dem noch immer ausstehenden Bildungszentrum daneben.

Stefan Stadtherr Wolter ist promovierter Historiker und Buchautor. Als ehemaliger Bausoldat in der Kaserne Prora setzt er sich für ein angemessenes Gedenken ein. Neben seiner Autobiografie gab Stadtherr Wolter zahlreiche Dokumentationen heraus, darunter: „Prora – Kolossales am Nordstrand“ (2024), 268 Seiten, 16,50 Euro, und von Uwe Rühle: „Geheimes Tagebuch eines Bausoldaten in Prora. Courage in der Kaserne“. 2015, 200 Seiten, 14 Euro. Beide erschienen bei Books on Demand, überall im Handel. Kontakt: www.denkmalprora.de

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