Kirche nicht nur verwalten, sondern neu denken – mitten in einer Phase großer Veränderungen. 2022 kam Veit Böhnke als Pfarrer nach Templin. Kurz darauf folgte ein tiefgreifender Einschnitt: Mehrere Kirchengemeinden fusionierten. Neue Ideen waren gefragt.Im Interview mit Stefan Determann, Leiter der Öffentlichkeitsarbeit im Kirchenkreis Oberes Havelland, erzählen Pfarrerin Annegret Kaufmann und Pfarrer Veit Böhnke, wie die Kirchengemeinde aus dieser Situation heraus weitere Wege der Begegnung sucht und neue Formen von Kirche entstehen.
Vor zwei Jahren standen in der Kirchengemeinde Templin viele Veränderungen vor der Tür. Wie sah das konkret aus?
Veit Böhnke: Ausgangspunkt war das Gemeindestrukturgesetz. Zehn ehemals selbstständige Kirchengemeinden fusionierten zu einer großen, ein Pfarrer ging in den Ruhestand, und eine hoch engagierte und langjährige Prädikantin zog weg. Die Frage war: Wollen wir das Nötigste verwalten? Oder nutzen wir das Momentum, um neu zu fragen, mit wem wir künftig Kirche sein wollen? Das alles vor dem Hintergrund, dass die kommunale Gebietsreform vor 20 Jahren zu Verletzungen geführt hat, die bis heute nachwirken. Nun sollte eine große Kirchengemeinde entstehen – mit Templin als Mitte und Namen.
Templin hat sich um eine Sonderpfarrstelle aus dem Fonds Missionarischer Aufbruch beworben. Was genau ist der Auftrag dieser Stelle?
Veit Böhnke: Eine zweite reguläre Pfarrstelle wird es nach dem Stellenplan nicht geben, das war klar. Zugleich wollten wir bewusst nach außen gehen. Als die Landeskirche begann, befristete Entsendungsdienststellen zur Erprobung neuer Gemeindearbeit zu ermöglichen, wollten wir eine Person holen, die bewusst an den Rändern schaut – nach neuen Partnern, neuen Formen, neuen Kontakten. Sie sollte auf Menschen und Gruppen außerhalb der Kirche zugehen, Kooperationen anstoßen und sehen, ob daraus etwas Tragfähiges entsteht.
Annegret, was hat dich an dieser Stelle im Entsendungsdienst gereizt?
Annegret Kaufmann: Eigentlich wollte ich ein klassisches Gemeindepfarramt. Als die Entscheidung anstand, wo ich denn hingehen würde, bin ich dann einfach mal nach Templin gefahren. Ich bin auf den Kirchturm gestiegen, von dort sieht man die Altstadt und gleich daneben die Plattenbauten. Dieses Nebeneinander fand ich reizvoll. Beim Laufen durch die Stadt habe ich gemerkt: Hier könnte etwas entstehen. Hier will Kirche bewusst dahin gehen, wo die Menschen sind. Mich hat der Freiraum der Pfarrstelle gereizt, und ich hatte das Gefühl, das wird ein gutes Lernfeld für meinen weiteren Berufsweg.
Wie begann diese Arbeit?
Annegret Kaufmann: Zuerst einmal natürlich die Gemeinde kennenlernen: Gottesdienste, Gemeindenachmittage, Teilnahme am Gemeindekirchenrat. In einer Kleinstadt begegnet man sich ständig. Und aus solchen Begegnungen wachsen langsam Projekte. Ich habe mich bewusst auf anlassbezogene, öffentliche Formate konzentriert – etwa mit Gedenkveranstaltungen zum 8. Mai. Ein Projekt war der „Tag des Friedhofs“.
Was steckte dahinter?
Annegret Kaufmann: Die Idee war, den Friedhof als Ort des Lebens sichtbar zu machen und Berührungsängste abzubauen, gemeinsam mit Partnern aus der Kommune und verschiedenen Vereinen, mit Musik, Vorträgen, Gesprächen und Theater. Dabei saßen Menschen bei Kaffee und Kuchen zusammen.
Veit Böhnke: Dahinter stehen auch große gesellschaftliche Fragen: veränderte Bestattungskultur, knappe Ressourcen, Verantwortung von Kirche und Kommune. Der Tag des Friedhofs hat das ins Gespräch gebracht – nicht nur als kirchliches, sondern als gemeinsames Thema in der Region.
Du warst auch bei gesellschaftlichen Anlässen präsent, etwa am 1. Mai. Wie kam es dazu?
Annegret Kaufmann: Ja, das war neu für mich. Über eine Chatgruppe habe ich von der Gegendemonstration zu einer AfD- Veranstaltung erfahren und den Veranstalter gefragt, ob ich sprechen kann. Ich wollte auch vonseiten der Kirche Position beziehen, aber ich hatte noch nie auf einer Demo geredet – das fühlte sich ziemlich „scary“ (beängstigend) an. Gleichzeitig merkte ich, dass meine klassische Ausbildung in Predigt und Gottesdienst auch dabei geholfen hat. An diesem Tag auf dem Markt von Gott zu sprechen, hat sich riskant, aber relevant angefühlt. Allein meine Anwesenheit als Pfarrerin hatte etwas Integrierendes, gerade für Menschen, die sich mit manchen linken Symbolen schwertun. Da wurde Kirche plötzlich an einem gesellschaftlichen Ort wahrgenommen – nicht nur in ihren eigenen Räumen. Genau solche Punkte suche ich.
Wie ist die Zwischenbilanz?
Veit Böhnke: Kontakte außerhalb der Gemeinde zu knüpfen und diese Menschen zugleich mit der Gemeinde zu verbinden, ist eine Kunst. Ehrenamtliche mitzunehmen, ist entscheidend. Und zugleich bleibt das Grundproblem: Wer viel Energie in den Erhalt der Institution steckt, dem fehlt oft Kraft für Neues.
Annegret Kaufmann: Deshalb kann diese Öffnung nicht an einer Person hängen. Sie muss als gemeinsame Aufgabe verstanden werden. Was steht im zweiten Jahr im Vordergrund? Annegret Kaufmann: Mehr geistliche Experimente mit Ehrenamtlichen, neue Segnungsformate. Manche Kontakte, die im letzten Jahr entstanden sind, werden nun zu Kooperationen für neue Projekte.
Veit Böhnke: Und stärker Menschen aus der Gemeinde beteiligen – damit Projekte weitergehen, auch wenn diese Stelle Ende 2026 endet.
Welche Bedeutung hat solch eine Projektstelle für weitere Gemeinden?
Veit Böhnke: In Brandenburg gibt es manchmal Unmut über Sonderpfarrstellen in Berlin, wobei viele dieser Stellen die Kirchenkreise ja selbst schaffen. Ich könnte mir vorstellen, dass es in jedem Kirchenkreis eine solche Stelle gibt, jeweils für zwei Jahre: Jemand kommt als Gast, schaut von außen auf die Gemeinde und ist zugleich mittendrin. Schon jetzt merken wir: Kirche wird anders wahrgenommen, und auch Gemeindeleitungen denken neu. Als ich hier anfing, sagte man mir: „Wir brauchen eigentlich Missionare.“ Mit dem Begriff habe ich mich schwergetan. Aber ich verstehe heute besser, was gemeint war: Vielleicht braucht es Menschen, die für eine Zeit mit uns leben, über das Gemeindeleben hinaus Kontakte knüpfen – und dann die Fäden übergeben und weiterziehen.



