von Klaus Büstrin
Jahrelang hat die Gesangbuch-Kommission der Evangelischen Kirche in Deutschland daran gearbeitet, nun testen etwa 600 Kirchengemeinden den Eprobungsband des neuen Gesangbuches. Aus der EKBO sind 31 Kirchengemeinden dabei. Die Reaktionen sind unterschiedlich, das Interesse groß.
Ein Gesangbuch ist immer dann lebendig, wenn Menschen daraus singen. Das war vor 500 Jahren so und ist heute nicht anders. Die evangelischen Christen erkennt man bekanntlich auch daran, dass sie gern singen – Neues und Vertrautes. Singen und Kirchenmusik gehören zum Markenzeichen der Evangelischen Kirchen. Zum Ersten Advent 2028 soll ein neues Gesangbuch erscheinen. Es ist das Dritte seit 1953.
Das neue Gesangbuch erscheint dann als gedrucktes Buch mit etwa 500 Liedern und als Digitalprodukt mit etwa 1200 bis 1400 Liedern. Ergänzend gibt es schon jetzt die digitale Plattform www.mitsingen.de mit Materialien zu den Liedern, zur Liedvermittlung und -begleitung. Und auch Videos, darunter vier, die von der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-Schlesische Oberlausitz (EKBO) produziert worden sind.
Ein Drittel des Gesamtwerkes wird getestet
Mit weiteren 30 Gemeinden der EKBO nimmt auch die Kirchengemeinde Langerwisch-Wilhelmshorst, die zu Michendorf bei Potsdam gehört, an der Erprobungsphase der gedruckten Version des neuen Gesangbuches teil. Sie begann am Ersten Advent und findet am Palmsonntag Ende März ihren Abschluss. Die Erprobungsbände enthalten einige ausgewählte Erprobungsrubriken, im Umfang etwa ein Drittel des künftigen Gesangbuches. In jedem Gottesdienst und allen Gemeindekreisen und -gruppen soll das Erprobungs-Gesangbuch getestet werden.
Bundesweite Vereinheitlichung wird positiv bewertet
„Besonders gut finde ich, dass es für alle Landeskirchen und sogar für Österreich gilt“, sagt Juliane Rumpel, Pfarrerin der Kirchengemeinde Langerwisch-Wilhelmshorst im Kirchenkreis Mittelmark-Brandenburg. Zwischen 30 und 40 Erprobungsbücher standen den Kirchengemeinden zur Verfügung – viel zu wenig Exemplare, heißt es einstimmig aus mehreren Kirchengemeinden. „Leider ist für die meisten Senioren der Schriftsatz des Drucks zu klein geraten. In den Gottesdiensten, in denen wir aus dem neuen Buch singen, ist ein Projektor zur Vergrößerung der Schrift unumgänglich. Das ist ziemlich aufwendig“, sagt Susanne Krau, Kantorin in Wittenberge im Kirchenkreis Prignitz.
Farbliche Gestaltung kommt auch gut an
Mit einem kurzen Video führt Susanne Krau in die Erprobungsphase ein und macht neugierig auf das farblich gestaltete Gesangbuch, das mit vertrauten und neuen Liedern ausgestattet ist. Da die Erprobung in der Advents- und Weihnachtszeit begann, war es für die Gemeinden natürlich spannend, welche Lieder künftig für diese Festzeit ausgewählt wurden. Jürgen Kaiser, Pfarrer der Stern-Gemeinde Potsdam, vermisst persönlich so manchen Klassiker, beispielsweise das Adventslied „Dein König kommt in niedern Hüllen“ mit dem Text von Friedrich Rückert.
Historische Rolle hinterfragen
Susanne Krau und Gemeindeglieder suchten vergebens nach „Wisst ihr noch wie es geschehen“. Das Lied erzählt mit einfachen, jedoch prägnant-bildhaften Worten von Hermann Claudius und der eingängigen Melodie von Christian Lahusen die Weihnachtsgeschichte. Doch aufgrund der nationalsozialistischen Haltung des Dichters Hermann Claudius, Urenkel von Matthias Claudius, entschied sich die Auswahlkommission gegen das Lied. Er hatte sich mit seinem schriftstellerischen Werk in den Dienst der verbrecherischen Hitler-Diktatur gestellt und Zeilen wie „Herrgott, steh dem Führer bei, dass sein Werk das Deine sei“ verfasst. Nach dem Ende der NS-Zeit fiel er nicht durch Selbstkritik auf. Auch das war Aufgabe der Gesangbuchkommission: Lieder historisch und ethisch zu hinterfragen.
Gitarrengriffe sind erwünscht
Susanne Krau stellte fest, dass im Erprobungs-Gesangbuch die Epiphanias- sowie die Passionszeit nicht vorkommen. Das sei sehr schade, denn gerade diese Gesänge zu Jesu Leiden und Sterben gehören zum festen musikalischen Programm der Kirchengemeinden in der kommenden Zeit. Die Rubrik Taufe/Konfirmation ist sehr unterschiedlich besetzt, stellte Pfarrerin Juliane Rumpel fest. Während für den Taufgottesdienst sehr interessante Lieder ausgewählt wurden, hätte sie sich für die Konfirmation mehr neues Liedgut gewünscht. „Da in unseren Dörfern nicht zu jedem Gottesdienst ein professioneller Organist an der Orgel sitzt, wäre es schön, wenn alle Lieder in der Endfassung mit Gitarrengriffen versehen werden“, so Rumpel.
Ausschließlich das neue Gesangbuch
Pfarrer Jürgen Kaiser von der Stern-Kirchengemeinde in Potsdam erzählt, dass seit dem Zweiten Advent an jedem Sonntag mindestens ein Lied gesungen wurde. In der Epiphanias- und in der Passionszeit werde das noch aktuelle Gesangbuch wieder Priorität haben. Am 25. Januar wird die Gemeinde zu einem Singe-Gottesdienst in die Stern-Kirche in Potsdam einladen, in dem ausschließlich das Erprobungs-Gesangbuch im Mittelpunkt stehen wird.
Auf dem Land muss Überzeugungsarbeit geleistet werden
Auch Kantor Uwe Metlitzky aus Wittstock testet mit seiner Gemeinde das Gesangbuch. Er findet, dass man die Gemeindeglieder zu den vielen rhythmisch betonten Liedern an die Hand nehmen müsse, um Berührungsängste zum Neuen weitestgehend zu überwinden. Er stellte fest, dass sich bisher nur wenige Gemeindeglieder zum neuen Gesangbuch geäußert haben. Eine ältere Dame hat eine klare Meinung: Vielleicht kommt mit ihm frischer Wind in die Kirchen, der ja dringend nötig sei.



