Ungewöhnlich viele Menschen für diese Nachmittagszeit, insbesondere Kinder, bewegen sich am 25. März bei strömendem Regen über den Platz vor der größten Kirche Görlitz, St. Peter und Paul, in der Altstadt zur Unterkirche. Dort stehen an den Altar gelehnt tragbare Schilder mit Bildern, die Szenen vom Leiden Jesu zeigen. Der Görlitzer Künstler Andreas Neumann-Nochten hat einen Kreuzweg geschaffen, aus dem die Bilder für die sechs ausgewählten Stationen stammen.
Eine siebente Tafel ist mit einem weißen Tuch verhüllt. Welches Bild sich darunter befindet, wird erst am Ende dieses Kreuzweges zu sehen sein. Pfarrerin Dörte Paul von der Innenstadtgemeinde Görlitz, zu der auch die Peterskirche gehört, hat die Glocken läuten lassen. Sie sagt: „Wir können die Glocken hier unten nicht hören, aber die Stadt weiß: Da wird an Gott gedacht – und ihm vertraut – und es wird zum Gebet gerufen.“
„König der Könige, was taten sie dir?“ Während dieses ersten Liedes, das mit Gitarre und Querflöte begleitet wird, ist der Blick der weit über 100 Teilnehmenden frei auf die Bilder und das große Holzkreuz, das auf den Altarstufen liegt. Es wurde vor über 30 Jahren von einem jungen Görlitzer Zimmermann aus ausrangierten Balken hergestellt, die aus einem hunderte Jahre alten Haus bei Rekonstruktionsarbeiten entfernt worden waren. Das Kreuz ist schwer, doch Kinder können es tragen, wenn sie gemeinsam am Kreuz festhalten.
Kinder sind motiviert
Roland Elsner, Pfarrer der katholischen Pfarrei Heiliger Wenzel, bittet sechs Kinder nach vorn, die das Kreuz auf der ersten Wegstrecke tragen. Viele Kinder springen auf, wollen die Aufgabe übernehmen. Der Pfarrer verspricht, dass jedes Kind dafür die Möglichkeit haben wird. So setzt sich der Zug von der Krypta aus in Bewegung.
An diesem Ort befindet sich der Richterstuhl von Pontius Pilatus. So hatten es die Erbauer der Anlage des Heiligen Grabes, dem „Görlitzer Jerusalem“, auf dem Leidensweg Christi bis zur Kreuzigungsstätte und der Heiliges-Grab-Anlage konzipiert. Ende des 15. Jahrhunderts hatte Georg Emmerich, der später Bürgermeister von Görlitz wurde, diese verkleinerte Nachbildung des Heiligen Grabes, nach einer Pilgerfahrt ins Heilige Land, errichten lassen. Zunächst führt der Kreuzweg bergab, hält an Stationen, an denen die mitgeführten Bilder betrachtet werden. Kinder haben kurze Szenen vorbereitet. Dafür haben sie sich so passend es geht gekleidet, beispielsweise als Soldaten mit Blechhelmen auf den Köpfen. Die Christenlehregruppe aus Friedersdorf war bei der ersten Station dran. Zur nächsten Station trug eine neue Kindergruppe das Kreuz.
Steile Stufen hoch
Die Jugendscheune Melaune war für die zweite Station zuständig, übergab an die Kinder der katholischen Pfarrei Heiliger Wenzel. Danach übernahmen Kinder der evangelischen Kreuzkirchen- und danach der Innenstadtgemeinde. Nachdem der Kreuzzug die letzte Straße gequert hatte und das Kreuz bereits die steilen Stufen der Heilig-Grab-Anlage hochgetragen wurde, hatten die beiden Polizisten ihren stillen Absicherungsdienst beendet.
Die letzte Station, die der evangelischen Versöhnungskirchengemeinde, war nach dem Segen, in der Grabkammer zu sehen. In diesem engen Raum wurde das letzte Bild enthüllt. Darauf ist die Auferstehung dargestellt. Zwei gewendete Soldatenhelme dienen am Ausgang als Kollektenkörbe. Gesammelt wird für die Arbeit der Suppenküche der Stadtmission. Sie versorgt sozial schwache Personen mit warmem Essen.



