Von der Kraft der Kultur mitten im Strukturwandel: Mit neuen Spielstätten findet das Lausitz Festival zum siebten Mal statt.
Von Andreas Kirschke
Cottbus. Unter dem Motto „geschöpferisch“ geht das diesjährige Lausitz Festival vom 24. bis 13. September mit Theater, Konzert, Gespräch, Ausstellung und Literatur in die siebte Auflage. An 14 Orten in 22 Spielstätten mit 32 Veranstaltungen findet es statt. „Als neuen Veranstaltungsort haben wir in diesem Jahr Großröhrsdorf“, sagt Maria Knorr, Pressesprecherin des Lausitz Festivals. „Im Röder-Saal wird das Stück ‚Erste letzte Sekunde‘ von Christoph Marthaler zu erleben sein. Außerdem sind wir in diesem Jahr zum ersten Mal in der Energiefabrik Knappenrode.“
Eröffnet wird das Festival am 24. August in Görlitz mit einem Workshop des britischen Chors „Tenebrae“ mit Leiter Nigel Short. Er will beim Workshop seine Erfahrungen mit Interessierten teilen. Am 25. August singt „Tenebrae“ in der Pfarrkirche St. Peter und Paul in Görlitz die Messe „h-moll“ von Johann Sebastian Bach. Am 26. August tritt der Chor in der Stadtkirche St. Nikolai in Forst auf.
„Hamlet“ beim Lausitz Festival in Cottbus
Fortsetzen will das Lausitz Festival seine viel beachtete Shakespeare-Reihe. Nach den Stücken „Die Fremden“ (2024) und „Othello“ (2025) folgt dieses Jahr „Hamlet“. Gleich viermal zeigt das Festival Shakespeares Schauspiel in der Halle Hangar 1 des früheren Militär-Flugplatzes in Cottbus. Dabei wirken bekannte Schauspieler wie Corinna Harfouch und Götz Schubert mit. Der Hangar 1 steht symbolisch als Spielstätte für eine Gesellschaft im permanenten Kriegszustand.
Mit dem Thema Wurzeln der Heimat befasst sich seit längerem der Jugendclub des Piccolo-Theaters Cottbus. Begleitet durch Spielleiter Matthias Heine zeigen zwölf Jugendliche am 29. August die Uraufführung „Gehen Bleiben“. Was wollen junge Menschen heute nach der Schulzeit? Mit eigenen Texten, Szenen, Musik und Bewegung entstand durch die Jugendlichen in Zusammenarbeit mit der Autorin Ruth-Maria Thomas und dem Lausitz Festival ein vielstimmiges Bild der Region – zwischen Aufbruch und Verbundenheit, zwischen Wut und Hoffnung, zwischen Gehen und Bleiben.
„Lausitzlieder“ spiegeln die Hoffnungen und Sorgen der Region wieder
Seit drei Jahren besteht beim Lausitz Festival das Projekt „Lausitzlieder“. Dabei schreiben Laien ihre Wünsche, Sehnsüchte, Sorgen und Zukunftsvorstellungen für die Lausitz in Liedern nieder. Erfahrene Autoren und Künstler standen ihnen zur Seite. In den vergangenen drei Jahren entstanden 40 Texte durch rund 30 Autoren. Eine Auswahl davon wird jetzt gezeigt – gesungen von Alin Coen und begleitet von einer Band in feinen Arrangements. Einer der zehn jetzt ausgewählten Texte stammt von Liedpoetin Konstanze Niemz aus Knappenrode. Für das Projekt „Lausitzlieder“ vertonte sie als poetisches Lied die sorbische Sage „Připołdnica“ (Mittagsfrau).
Eine besondere Aufführung ist am 6. September das Stück „Passion. Über die Menschlichkeit“. Gezeigt wird es in Cunewalde in der größten evangelischen Dorfkirche Deutschlands. Das Stück gründet sich auf den Roman von Amélie Nothomb. Schauspieler Götz Schubert liest Jesus von Nazareth – in seiner Zelle in der letzten Nacht vor seiner Hinrichtung. Es ist ein innerer Monolog über seine Wunder, die große Liebe, Verrat und seinen überwältigenden Durst nach Würde und Vergebung. Für die musikalische Begleitung sorgt Manuel Munzlinger mit der Oboe.
Ein Höhepunkt des Festivals wird die Ausstellung „Der grelle Schein der Ränder“ des brasilianischen Gegenwartskünstlers Jonathas de Andrade sein. Er arbeitet mit Video ebenso wie mit Fotografie, Skulptur und Installation. Das Neue Schloss Bad Muskau und das Brandenburgische Landesmuseum für moderne Kunst teilen sich diese Ausstellung. Die von der Kulturstiftung des Bundes geförderte Ausstellung gewinnt durch ein Filmkonzert in der Energiefabrik Knappenrode noch ein besonderes Highlight hinzu: Drei brasilianische Musiker, mit denen de Andrade seit langem eng zusammenarbeitet, spielen zu drei seiner Kurzfilme auf einer Vielzahl an Percussion-Instrumenten live einen speziell auf diese Filme komponierten Soundtrack.
Lausitz Festival: Literaturfans willkommen
Die Neuübersetzung eines polnischen Romans aus dem späten 19. Jahrhundert sorgte im Jahr 2024 für eine kleine literarische Sensation: „Die Puppe“ von Bolesław Prus gilt als osteuropäisches Pendant zu Charles Dickens. Der neue Literatur-Dramaturg des Lausitz Festivals, Thoralf Czichon, wird im Gespräch mit den beiden Übersetzern in einer Veranstaltung in Schloss Altdöbern das Werk und den Autor vorstellen. Zudem lesen sie einige Passagen aus dem Roman. In der Energiefabrik Knappenrode stellt die in der DDR geborene Autorin, Illustratorin und Sprechkünstlerin Judith Schalansky ihr neues Buch „Marmor. Quecksilber. Nebel. Woraus die Welt gemacht ist“ vor, ein Abend zwischen Lesung und Gespräch.
Erstmals vergibt eine Jury den Preis „Credo“. Damit will das Lausitz Festival künftig alle zwei Jahre eine Persönlichkeit der Kunst oder Kultur ehren. Gewürdigt werden soll deren tiefe innere Überzeugung und Haltung sowie deren fester Glaube an die gesellschaftliche Relevanz von Kunst und Kultur mitten im Strukturwandel.



