von Ingeburg Schwibbe
Potsdam. Im Museum Barberini in Potsdam ist noch bis 1. Februar 2026 die Ausstellung „Einhorn. Das Fabeltier in der Kunst“ zu sehen: 150 Gemälde, Skulpturen, Grafiken, Wandteppiche und Kunsthandwerk sind ausgestellt – alle mit Einhörnern als einem der Bildgegenstände. Unter den Leihgebern sind berühmte Museen aus Europa und den USA. Die opulente und ästhetisch sehr schöne Schau umfasst einen Zeitraum von 4000 Jahren. Das älteste Objekt, ein unscheinbarer, 4000 Jahre alter Siegelstein, stammt aus dem Indus-Tal im heutigen Pakistan.
Das Einhorn kam aus Indien
Die Kunde vom Einhorn verbreitete sich von Indien aus über China, Persien und Ägypten nach Europa. Bedeutung und Aussehen divergieren entsprechend der jeweiligen Kultur des Landes. Der römische Gelehrte Plinius der Ältere (23–79) beschreibt es so: „Die Orsäer in Indien jagen (…) als wildestes Tier das Einhorn, das, sonst am Körper dem Pferde, am Kopf aber dem Hirsch, an den Beinen dem Elefanten, am Schwanz dem Eber ähnlich ist, dumpf brüllt, während ein zwei Ellen langes schwarzes Horn mitten aus der Stirn hervorragt.“
Ein Einhorn als Waschzubehör
Wildheit bezeichnet auch das bronzene Aquamanile in Gestalt eines sprungbereiten Einhorns mit geweiteten Nüstern und aufgerissenem Maul, aus dem die Zunge schnellt. Es stammt aus dem ersten Viertel des 14. Jahrhunderts. Aquamanile dienten im christlichen Kultus, aber auch im höfischen Gebrauch zur rituellen Handwaschung, kommen aber in dieser Form selten vor.
Auch in der Bibel ist das Einhorn zu finden
Im ganzen Mittelalter spielte die Schrift „Physiologus“, eine Art theologischer Tierkunde, für das Christentum eine große Rolle. Sie fügte die bis heute bekannte Legende hinzu: Nur durch eine Jungfrau könne das Einhorn gezähmt werden. Im „Physiologus“ erscheint das Einhorn in Gestalt eines Zickleins. Es symbolisiert Christus, während die Jungfrau mit Maria verglichen wird. Damit findet das Einhorn Eingang in das Heilsgeschehen. In der Bibel wird es achtmal erwähnt, ein Beweis für die Gläubigen, dass es in der physischen Realität tatsächlich existiert.
Das Fabelwesen im Glauben
Sehr berührend wirkt die Büste einer Frau mit Einhorn, 1512–1514, aus dem Gestühl der Fugger-Kapelle in der Karmeliterkirche St. Anna zu Augsburg. Der tief leidende Ausdruck ihres Gesichtes überträgt sich sofort auf den Betrachter. Innig und schützend drückt sie das kleine Einhorn auf ihrem Schoß in Gestalt eines Zickleins an sich, eine Parallele zu den vielen Gemälden mit einer leiderfüllten Maria, der das Schicksal des Jesusknaben auf ihrem Schoß schmerzvoll bewusst ist.
Bildteppich aus St. Gotthard in Brandenburg auch in Ausstellung
Auch die wunderschönen, seltenen, mittelalterlichen Tapisserien verdienen Aufmerksamkeit. Für die Ausstellung wurde der vom Ende des 15. Jahrhunderts stammende, flämische oder niedersächsische Bildteppich aus St. Gotthardt in Brandenburg (Havel) in der Textilwerkstatt des Domstiftes gereinigt. Im Zentrum zwischen zwei Jagdgruppen zeigt er eine Dame mit weißem Einhorn, dessen Vorderbeine sie auf ihren Knien mit einer Hand umfängt, während die andere Hand das Horn des Tieres hält. Hat sich die Dame für ein weltliches oder geistiges Leben zu entscheiden oder ist sie schon mit dem Einhorn, also Christus, verlobt und ist nun eine Braut Christi? Wir wissen es nicht.
Einhörner Namensgeber von Apotheken
Bis etwa 1550 finden wir zahlreiche Darstellungen des Einhorns auf Altären und in Gebetsbüchern. Dem Horn gestand man sagenhafte Kräfte zu. Als Trinkgefäß oder in Pulverform sollte es vor Gift und zahlreichen Krankheiten schützen. Sehr begehrt trugen viele Apotheken seinen Namen.
Die Ausstellung präsentiert ein großes, im Mittelalter berühmtes Einhornhorn, das zahlreiche Pilger anzog. Es wurde in der Kathedrale von St. Denis, der Grablege französischer Könige, aufbewahrt. Im Zusammenhang mit der sich entwickelnden Naturwissenschaft entdeckte man im 17. Jahrhundert, dass das Horn nicht vom mystischen Einhorn, sondern vom Narwal stammt. Heute wissen wir, dass es ein Stoßzahn ist, der aus der Oberlippe des Tieres ragt und bis zu 3 Meter lang werden kann. Damit fanden die schon nach 1550 zurückgehenden Einhorndarstellungen ein abruptes Ende.
Einzug des Einhorns in die Moderne
Neuentdeckt wurde dieses reizvolle Thema im 19. Jahrhundert, doch von einem völlig anders gearteten individuellen Standpunkt aus. Die Künstler beginnen jetzt, ihre Motive selbst zu wählen und ihren Intentionen und Fantasievorstellungen freien Lauf zu lassen. Zentraler Anziehungspunkt bei der zeitgenössischen Kunst ist die von Olaf Nicolai (*1962) geschaffene Konstruktion eines lebensecht gestalteten Einhorns in Form und Größe eines Pferdes mit schwarzem Fell und schwarz gefärbtem Horn auf der Stirn.
Wohltemperiert oder überhitzt?
Schade, dass gerade hierauf die Museumsaufsicht ein besonderes Augenmerk hat. Denn würde man es streicheln, müsste man verblüfft feststellen, dass der Körper sich warm anfühlt. Ein unsichtbares Gerät im Körperinneren hält eine konstante Temperatur von 43 Grad. Für einen Menschen lebensbedrohlich. Aber für ein Tier, das es nicht gibt?
In seinem im Februar 1922 entstandenen „Sonetten an Orpheus“ schreibt der Lyriker Rainer Maria Rilke (1875–1926): „O, dieses ist das Tier, das es nicht giebt. / Sie wußtens nicht und habens jeden Falls / – sein Wandeln, seine Haltung, seinen Hals / bis in des stillen Blickes Licht – geliebt.“ In einem Brief an die Gräfin Margot Sizzo-Norris vom 1. Juni 1923 folgt dazu die Erläuterung: „So ist auch im Einhorn keine Christus-Parallele mitgemeint; sondern nur alle Liebe zum Nicht-Erwiesenen, Nicht-Greifbaren, aller Glaube an den Wert und die Wirklichkeit dessen, was unser Gemüt durch die Jahrhunderte aus sich erschaffen und erhoben hat, mag darin gerühmt sein.“
Die Ausstellung „Einhorn. Das Fabeltier in der Kunst“ ist noch bis zum 1. Februar im Museum Barberini, Humboldtstraße 5–6, Alter Markt, Potsdam, zu sehen. Öffnungszeiten: Mo, Mi–So, von 10–19 Uhr, dienstags geschlossen.



