Neue Aufgabe, neue Perspektiven: Sarah-Magdalena Kingreen wird Superintendentin im Havelland. Zuvor prägte sie die Arbeit an der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche in Berlin. Was sie aus der Stadt mitnimmt und was sie auf dem Land bewegen will.
Von Karola Kallweit
Berlin. Es sind nur wenige Stufen hinauf auf das „Podium“ – jenes Ensemble aus fünf markanten Gebäudeteilen, das wie kaum ein anderes das Gesicht des alten Westberlins prägt. Mitten auf dem Breitscheidplatz erhebt sich die Gedächtniskirche: die kriegsversehrte Turmruine der alten Kirche und das Neubauensemble des Architekten Egon Eiermann. Wie dieses „Podium“ alles zusammenhält und Nähe schafft – zur Gemeinde wie zum Platz –, zeigt sich besonders in der Weihnachtszeit, erklärt Pfarrerin Sarah-Magdalena Kingreen: „Wenn der Weihnachtsmarkt da ist, entfaltet er sich um das Podium und nimmt es in seine Mitte.“
Als Pfarrerin an der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche war die Kapelle für Kingreen ein Herzensort – einer, den sie nun nach dreieinhalb „spannenden und lehrreichen Jahren“ verlässt. Die neue Superintendentin des neu gegründeten Kirchenkreises Havelland blickt auf eine intensive Zeit zurück. Ihr Büro lag in der Lietzenburger Straße, ungefähr 10 Gehminuten entfernt vom Breitscheidplatz, doch der Großteil ihrer Arbeit spielte sich in der Gedächtniskirche ab – einem Ort, der Glanz, Verletzung und Wiederaufbau sichtbar macht. „Das ganze Ensemble ist untypisch für eine Kirche“, sagt sie. Die 38-Jährige sitzt in der Kapelle, einer modernen Interpretation kirchlichen Raums, in der sie gearbeitet, getagt und Besucher empfangen hat.
Kingreen betrieb „Seelsorge für die Stadt“
Gemeinsam mit Kathrin Oxen gehörte sie zum Pfarrteam der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche – in einer Doppelfunktion für Gemeinde und Stiftung. Zu ihren Aufgaben gehörten große Gottesdienste „für die Stadt“, etwa zum Berlin-Marathon oder zum DFB-Pokalfinale. Es ging um Emotion und Stimmung – auch für Menschen, die sonst wenig Berührung mit Kirche haben. Besonders spürbar wurde dieses „für die Stadt“ bei Gedenk- und Trostgottesdiensten. „Seelsorge für die Stadt“, nennt Kingreen das. Der Anschlag auf den Weihnachtsmarkt vor zehn Jahren habe Wunden hinterlassen, der Anschlag in Magdeburg 2024 sie erneut aufgerissen.
Für die gebürtige Niedersächsin schloss sich 2023 ein Kreis: Die Gedächtniskirche war ihre erste Gemeinde als Studentin. Zunächst begann sie ein Musikstudium an der Universität der Künste – eine kleine Rebellion gegen die naheliegende Berufswahl, wie sie sagt. Doch die Sehnsucht nach der theologischen Auseinandersetzung wuchs und so entschied sie sich doch noch für das Theologie-Studium. Sie promovierte an der Humboldt-Universität zu Berlin und absolvierte ihr Vikariat in Berlin-Dahlem.
Nun richtet sich ihr Blick aufs Land – und wieder schließt sich ein Kreis. Geprägt von einer Kindheit im ländlichen Niedersachsen lebt sie heute mit ihrem Mann und ihren zwei Kindern in Potsdam-Nord, nahe dem Havelland. Ihr neuer beruflicher Mittelpunkt wird sich deutlich vom bisherigen Alltag unterscheiden. Vor ihrer Entscheidung hat sie die Region auf Rad-touren erkundet. Ihr Fazit: Hier ist Raum für Aufbruch. Ihr Ziel für das erste Jahr: alle kirchlichen Orte besuchen. Sie versteht sich als „Aufsuchende“ – jemand, der hingeht, verbindet und in Bewegung bringt.
Im Havelland herrschen andere Gemeindestrukturen
„Was ist das Beste für den Ort?“ – getragen von dieser Frage wird sie nun von Nauen aus wirken. Themen wie Struktur, Politik und Kultur werden auch im Havelland eine zentrale Rolle spielen. Ihre Zeit an der Gedächtniskirche sieht sie als beste Vorbereitung: Sie verantwortete Fördermittel in Höhe von 45 Millionen Euro für dieses große Bauprojekt und war rechenschaftspflichtig gegenüber Geldgebern.
Der neue Kirchenkreis Havelland ist flächenmäßig einer der größten der EKBO. Zwischen Rathenow und Falkensee stehen rund 100 Kirchengebäude. Die Gemeinden im Havelland sind anders strukturiert als jene an der Gedächtniskirche, die für viele nur ein Ort auf Zeit ist. Auch das, was die Christen bewegt, unterscheidet sich teilweise. Wie also umgehen mit politischen Spannungen in Brandenburg, mit wachsender Kirchenferne und zugleich mit einer Realität, in der Kirche längst ein notwendiger und lebendiger Teil der Gesellschaft ist – durch Diakonie, Seelsorge, Erziehung und Bildung?
Die Vielfalt der Region begreift Kingreen als Herausforderung und Geschenk. Sie beschreibt den Kirchenkreis als Garten mit vielen unterschiedlichen Beeten. Ihr Ziel ist es, daran anzuknüpfen und „ein Netz von Kirchen, von Verständigungsorten“ zu schaffen, in denen auf Augenhöhe und auf Grundlage der Menschenwürde diskutiert werden kann: „Wir sind ein Kirchenkreis. Wir sind evangelisch im Havelland. Und das verbindet uns.“
Der Einführungsgottesdienst findet am 3. Mai um 14 Uhr in der St.-Jacobi-Kirche in Nauen statt. Alle Infos gibt es hier.



