Kirchsaal mit Menschen auf Kirchbänken
Lesung von Peggy Mädler. Foto: Oder-Buch

Wo die Kirche zum Literaturhaus wird

Große Geschichten in einer kleinen Dorfkirche: Die Lesereihe „Oderbuch“ lädt nach Neulietzegöricke ein und richtet den Blick auf ostdeutsche Biografien, Erfahrungen und Erinnerungen.

Von Hannes Langbein

In Neulietzegöricke im Oderbruch, kurz vor der polnischen Grenze, gibt es eine Dorfkirche, die auch ein Literaturhaus sein könnte: „Oderbuch“ heißt die Lesereihe, die einmal im Jahr während der Sommermonate drei bis vier renommierte Autorinnen in die kleine Dorf­kirche am äußersten Rand der Republik lockt.

Lebensgeschichten aus der DDR

Die Lesungen finden seit 2022 immer unter einem Jahresthema statt: In diesem Jahr sind es „Die großen Geschichten – Lebenslinien Ost“. Im Mittelpunkt stehen literarische Erzählungen persönlicher Lebensgeschichten, die sich vor dem Hintergrund der gesellschaftlichen und politischen Verhältnisse in der DDR und in Ostdeutschland entfalten. Welche Erfahrungen prägen Biografien im Osten Deutschlands? Wie wirken Umbrüche in individuelle Lebenswege hinein? Welche Geschichten entstehen, wenn Erinnerung, Herkunft und gesellschaftliche Umstände ineinandergreifen?

Das Dorf Neulietzegöricke ist selbst ein Ort voller Geschichten: Das Kolonistendorf ist das erste seiner Art und als solches ein „Musterdorf“. Es verdankt seine Entstehung der Trockenlegung des Oderbruchs Mitte des 18. Jahrhunderts. 2020 gründeten zehn Anwohnerinnen den „Klub der Kolonisten“, mit dem Ziel, die Geschichte und die Geschichten des Orts zu erzählen. Seither wächst der Verein und hat dem Dorf eine Heimatstube, einen Rundwanderweg, einen Kolonistentag und sogar einen Hörspaziergang gestiftet: „Von Häusern und Menschen“ heißt der Audio-Parcours, der sich durch das ganze Dorf zieht und persönliche Sichtweisen und lebendige Eindrücke zum Leben in der Dorfgemeinschaft, aber auch kulturgeschichtliche Informationen zur historischen Bausubstanz des ältesten Kolonistendorfs im Oderbruch bereithält.

„Oderbuch“-Lesungen live im Radio

Neulietzegöricke ist definitiv eine Reise wert! – Wer es trotzdem nicht schafft, kann die Lesungen auch live im Radio hören: „Radio Industry“, das umtriebige und sympathische Radio aus Woltersdorf, überträgt jeweils an den Lesetagen um 15 Uhr die Lesung aus der Dorfkirche.

Die Reihe „Oderbuch“ geht noch bis zum 16. August: Dann liest um 16.30 Uhr Annett Gröschner aus ihrem Buch „Schwebende Lasten“, das den Evangelischen Buchpreis erhielt. Eine weitere Lesung mit Lukas Rietzschels „Sanditz“ wird noch bekanntgegeben.

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