Viele junge Menschen in blauen T-Shirts im Freien
Workcamp-Teilnehmende auf dem Gelände in Wittenau Foto: Thomas Englisch

Opfer der NS-Krankenmorde werden nicht vergessen

von Sarah Orland

Berlin. Sven Lambert, Pfarrer der Berlin-Kirchengemeinde Alt-Reinickendorf, begrüßt die jungen Erwachsenen in einer Andacht. Die 18 Freiwilligen aus Polen, Frankreich, Spanien, Deutschland, Slowakei, Brasilien und Ägypten nehmen an einem ökumenischen Workcamp im Alten Anstaltsfriedhof in Wittenau teil. Sie sind zwischen 18 und 23 Jahren alt.

Teilnehmende aus der ganzen Welt

„Herzlich willkommen! Ihr seid aus verschiedenen Ländern und bringt verschiedene Sprachen mit. Ihr seid gekommen, um zu arbeiten auf dem alten Friedhof. Dort liegen Menschen, deren Würde verletzt wurde. Ihr helft mit euren Händen, mit eurer Zeit, mit eurer Aufmerksamkeit.“, so Lambert. Auch Felipe ist unter den Teilnehmenden. Der Brasilianer will dabei helfen, dass die Erinnerung an die Opfer des Nationalsozialismus wachgehalten wird. Von Berlin hat er mittlerweile schon einiges gesehen.

Heilstätte heilte nicht, sondern tötete

Eine Gedenktafel, eingelassen in die Wand des Pförtnerhäuschens, bekennt am Eingang der ehemaligen „Wittenauer Heilstätten“, dass hier im Nationalsozialismus Patienten nicht geheilt, sondern vernachlässigt und getötet wurden. Sie setzten die „Rassenhygiene“ der Nationalsozialisten konsequent um. 1967 erhielten die Heilstätten den Namen „Karl-Bonhoeffer-Nervenklinik“ – in Andenken an den Psychiater und Neurologen Karl Bonhoeffer (1868–1948). Unter Beteiligung der Familie Bonhoeffer wurde eine Büste für den früheren Direktor der Klinik für psychische und Nervenkrankheiten der Charité in Berlin eingeweiht.

Aufarbeitung erst sehr spät

Erst spät, in den 80er Jahren, begann die Aufarbeitung der Verbrechen während des Nationalsozialismus durch eine Arbeitsgruppe der Klinik. Dass auch der ehemalige Anstaltsfriedhof diese Untaten widerspiegeln müsste, fiel erst Pfarrer Zierep aus Alt-Wittenau auf. Doch Klinikleitung und Bezirksamt entwidmeten den Friedhof 1994, da keine Namen und Grablagen bekannt waren und man zu wissen glaubte, hier seien ohnehin Patienten ohne Angehörige begraben.

Gedenkraum schaffen

Dass das Gegenteil der Fall war, entdeckten Schülerinnen und Schüler des Religionsunterrichts in den Kirchenbüchern. Im März 2014 gestalteten sie dann eine Gedenkfeier für die Opfer der Krankenmorde und im Anschluss gründete sich der „Freundeskreis Gedenkort Alter Anstaltsfriedhof“, welcher den Friedhof von Unrat und Gestrüpp befreien und als Gedenkort zugänglich machen wollte. Im Januar 2022 konnte an der sanierten Friedhofsmauer eine Gedenktafel angebracht werden und gleich im Juli fand das erste Workcamp auf dem Friedhof statt. Getragen wird es von den Ökumenischen Jugenddiensten. Im Juli waren wieder junge Menschen vor Ort. Mit Astschere und Harke entdecken sie, wie es früher einmal ausgesehen hat. Dieses Jahr haben die Campteilnehmer die Fundamente des früheren Friedhofsgärtnerhauses und des Gerätehäuschens weiter freigelegt. Ein Teilnehmer hat eine alte „Durchforstungsschere“ gefunden, die auf den ehemaligen Massengräbern lag. In vergangenen Camps fanden die Campteilnehmer mehrere alte Grabschilder sowie Fußbodenplatten. „Wir hoffen, dass die Kinder und Enkel der Ermordeten hier einen würdigen Ruheplatz finden“, sagt ein Teilnehmer.

Historischer Plan hilft heute beim Anlegen des Gedenkortes

Anleitung bei den Arbeiten gibt Winfried Band, er besitzt sehr gute Kenntnisse über das Gelände und war früher Therapeut in der Klinik und Mitgründer des „Freundeskreises“. Er ist seit jeher auch bei den Jugendcamps dabei. Als Vorbild für die Friedhofsarbeiten dient auch der historische Plan des 1880 eingeweihten Klinikfriedhofs, der im Sinne eines Erholungsortes angelegt worden war. Heute gehört das Grundstück den Berliner Forsten. Besuch erhielten die Campteilnehmer bereits von Bezirkspolitikern, die sie bei der Arbeit auf dem Friedhof erlebten, von ehemaligen Mitarbeitenden und sogar Familienangehörigen der Beerdigten.

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