Regenbogenflaggen auf einer Demonstration
Unser Titelbild der Ausgabe 16 zeigt eine Demonstration unter dem Motto „Nie wieder still” zum 47. Christopher Street Day in Berlin im Juli 2025. Foto: Pic One/IMAGO

Leserkommentar: Queer-Theorie wertet Homosexualität ab

Kürzlich berichteten wir über das zehnjährige Jubiläum der Trauung gleichgeschlechtlicher Paare in der EKBO. Nun meldet sich einer unserer Leser zu Wort. Er erklärt warum er sich an unserer Verwendung des Begriffes „queer“ und an der Queer-Theorie stößt. Ein Leserkommentar.

Von Michael Fastnacht

Mit einigem Befremden bin ich in mehreren Artikeln der genannten Ausgabe über den Begriff „queer“ gestoßen. Wer diesen Begriff ­benutzt, sollte wissen, dass dieser in unmittelbarem Zusammenhang mit der sogenannten Queer-Theorie steht.

Wer sich als „queer“ bezeichnet, stimmt folgenden Aus­sagen zu: Die bloße Existenz von ­Kategorien für Geschlecht, Gender (Geschlechts­identität) und sexuelle Orientierung sei repressiv (unterdrückend – die Red.). Geschlecht, Geschlechtsidentität und sexuelle Orientierung seien soziale Konstruktionen dominanter Diskurse, die in der Sprache fortdauern. Die Grenzen zwischen den Kategorien seien willkürlich und könnten gelöscht werden. Eine Person könne zugleich männlich, weiblich oder weder noch sein, sie könne sich maskulin, feminin oder neutral geben und ­jede sexuelle Orientierung annehmen. Sie könne jede dieser Identitäten zu jedem beliebigen Zeitpunkt wechseln oder auch bestreiten, dass sie überhaupt eine Bedeutung hätten. Homosexualität sei lediglich ein soziales Konstrukt.

Queer-Theorie: Wird die Wissenschaft verworfen?

Normativität in allen ihren Manifestationen wird infrage gestellt. Alle Minderheiten, die aus den normativen Kategorien herausfallen, sollen unter dem Banner „queer“ vereinigt werden. Das solle eine befreiende Wirkung auf all jene ausüben, die sich den Kategorien von Geschlecht, Gender und ­sexueller Orientierung entziehen, und zwar auch auf diejenigen, die sich ­solchen Zuordnungen ebenfalls entzögen, wenn sie nicht in ihre Kategorien hineinsozialisiert worden wären und durch gesellschaftliche Zwänge weiter an ihnen festhielten.

Die Tatsache, dass eine überwältigende Mehrheit des Homo sapiens entweder männlichen oder weiblichen Geschlechts ist und dass der Geschlechtsausdruck beim Menschen überwiegend bimodal verteilt ist und stark mit dem biologischen Geschlecht korreliert ist, stelle nur eine von vielen Wissensformen dar und sei eine chauvinistische und gewalttätige, in die Vorurteile mächtiger Gruppen eingeschrieben sind. Sprache sei das Mittel, durch das die als Wissen verkleidete Macht alle Ebenen der Gesellschaft infiltriere und vorgebe, was in der Gesellschaft als normal akzeptiert werde. Queerness hat oberste Priorität, Wissenschaft wird verworfen, wenn sie der Queer-Theorie widerspricht. Die einzig legitime Art, Themen wie Geschlecht, Gender und sexuelle Orientierung zu erforschen sei die Queer-Theorie.

Queer-Theorie und Christentum nicht vereinbar?

Es dürfte daraus rasch klar sein, dass die Queer-Theorie nicht in Übereinstimmung mit dem Christentum zu bringen ist. Ich halte ­deswegen den (unreflektierten) ­Gebrauch des Adjektivs „queer“, so wie er in dieser Ausgabe verwendet wird, für hochgradig bedenklich. Dies betrifft insbesondere Menschen, die sich der LGBT-Community zurechnen und der ja eigentlich Ihre Artikel gelten. Es hat viele Jahrzehnte von Leiden gebraucht, bis homosexuelle Menschen endlich ­eine Anerkennung und Legitimierung ihrer sexuellen Orientierung erreicht haben – und in vielen ­Ländern der Welt nicht einmal das. Die Queer-Theorie wertet diese sexuelle Orientierung aber zu einem reinen sozialen Konstrukt ab! Nicht zu Unrecht verwehren sich dagegen mehrere meiner homosexuellen Freunde und Freundinnen, sie als „queer“ zu bezeichnen, ganz bewusst wählen sie die Begriffe „schwul“ und „lesbisch“.

Michael Fastnacht ist Leser aus ­Weißenthurm im Landkreis Mayen-Koblenz in Rheinland-Pfalz.

Wir freuen uns über Ihre Meinungen zu Artikeln – unabhängig davon, ob sie sich mit den Standpunkten unserer Redakteurinnen decken. Senden Sie uns ihre Leserbriefe gerne per E-Mail.

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