In der Prignitz pachten Biolandwirte zehn Hektar Kirchenland für Kräuter und ätherische Öle.
von Uli Schulte Döinghaus
Blumenthal. Die Prignitz, so viel steht fest, liegt nicht in Südfrankreich. Dennoch könnte, wer im Hochsommer dieses Jahres zwischen Dahlhausen und Blumenthal spazieren gegangen ist, auf eine solch geografisch abwegige Idee gekommen sein. Südlich von Heiligengrabe, an der Grenze zu Mecklenburg-Vorpommern, duftete ein tiefblaues Lavendelfeld, wie rund ums Mittelmeer. Der Acker, auf dem der Lavendel wächst und bis August abgeerntet wurde, ist Pachtland der Kirchengemeinde Jäglitz-Nadelbach im Osten des Kirchenkreises Prignitz. Zu der Kirchengemeinde gehören unter anderem die Ortsteile Blumenthal und Dahlhausen.
Moldawischer Drachenkopf und Thymian
Dort wächst der Lavendel neben Bio-Kräutern wie Thymian und Moldawischem Drachenkopf auf Ackerboden, der für den klassischen Acker- und Grünlandanbau mäßig ertragreich ist. Es heißt, dass sich der Preis für Neuverpachtungen im Schnitt zwischen 340 und 360 Euro pro Hektar und Jahr bewegen könne. Vor rund fünf Jahren haben Dirk Schwibbert und Frank Marienfeld rund zehn Hektar Kirchenland gepachtet, das lange Jahre Brachland gewesen war. Zu einem „total normalen Durchschnittspreis“, wie sie sagen. Schwibbert und Marienfeld sind Geschäftsführer der Landeria UG, in Blumenthal, einem Ortsteil von Heiligengrabe.
Die Unternehmen
Zur Landeria UG gehören eine Ölmühle, eine Duftmanufaktur und eine Destillationsanlage, mit der ätherische Öle gewonnen werden.
Parallel betreiben Dirk Schwibbert und Frank Marienfeld, beide um die 60 und ursprünglich Manager in der Medienbranche, den ökologischen Landbaubetrieb Marienfeld & Schwibbert, der im benachbarten Dahlhausen das Kirchenland bewirtschaftet. Auf diesen Flächen bauen sie Kräuter für die Herstellung ätherischer Öle an. Regionale Erzeuger liefern die Saaten für Speise- und Würzöle.
Aus der Region
Zusammen bilden beide Unternehmen eine regionale Wertschöpfungskette, die vom Anbau über die Verarbeitung bis zur Vermarktung reicht. Die ätherischen Öle werden beispielsweise auf Wochenmärkten in und um Berlin angeboten. Speiseöle, für die regionale Saaten verarbeitet werden, werden über den Lebensmitteleinzelhandel im Raum Berlin-Brandenburg, etwa bei örtlichen Edeka– und Rewe-Verkaufsstellen, angeboten. „Wir versuchen, die regionale Wertschöpfungskette wirklich zu leben und regionale Produkte herzustellen“, sagt Frank Marienfeld.
Für die Pacht des Kirchenlandes war ein längerer Abstimmungsprozess notwendig, um die Genehmigung zu erhalten, erzählt Dirk Schwibbert. In zwei Runden sei das Konzept vorgestellt worden, verbunden mit mehreren öffentlichen Terminen über Wochen und Monate hinweg.
Pachtausschuss des Kirchenkreises berät
Dafür gibt es im Kirchenkreis Prignitz einen Pachtausschuss. Er beschäftigt sich mit verpachteten kirchlichen Flächen und schaut auf die eingereichten Pachtverträge zwischen Kirchengemeinde und Pächter. „Wir sind Mittler zwischen den einzelnen Parteien und geben gerne Ratschläge und Hinweise, passen aber auch auf, dass die Prämissen des Musterpachtvertrages eingehalten werden“, sagt Christina Stettin vom Pachtausschuss. „Bei kleinen Unstimmigkeiten sind wir gerne vor Ort beratend und vermittelnd tätig.“
Ohne Klimawandel kein Lavendel
Mit dem sogenannten Musterlandpachtvertrag schlägt die Landeskirche ökologische Auflagen für neue Pachtverträge vor. Biolandwirte Schwibbert und Marienfeld legen zum Beispiel jedes Jahr einen Blühstreifen an, wichtig für Insekten – und Rebhühner, die sie auch in diesem Jahr wieder gesichtet haben. Und sie haben an dem Projekt „Bienen brauchen Blüten“ teilgenommen, das gezeigt hat, wie segensreich der Kräuteranbau auf Wildbienen wirkt.
Die menschengemachte Erderhitzung spricht paradoxerweise sowohl für als auch gegen den Anbau von Produkten in der Prignitz, die eigentlich am besten rund ums Mittelmeer gedeihen. In der Prignitz, deren Böden stark sandig sind, ermöglichen die wärmeren Bedingungen den Anbau von mediterranen und robusten Kräutern wie Lavendel, Thymian oder Ysop. „Vor 30 oder 40 Jahren wäre das gar nicht gegangen“, sagt Dirk Schwibbert.
Der Klimawandel verhinderte freilich den kalten, schneefreien Winter nicht, der in diesem Jahr sehr geschadet habe. Es sei zu einem Wuchs- und Ertragsverlust von etwa 50 Prozent gekommen, resümieren Schwibbert und Marienfeld – nicht durch die Trockenheit des Sommers, sondern durch den Winter ohne schützenden Schnee.



