Der Posaunenchor der Evangelischen Kirchengemeinde am Friedrichshain wurde im Oktober 40 Jahre alt. Auch Landesposaunenpfarrer Ulrich Schöntube hat dort die ersten Töne geblasen – auf einem Eimer
von Tanja Kasischke
Berlin. Pfarrer Michael Pflug und seine Frau Hanna haben, wie man heute sagt: einen Deal. Sie vereinbaren, ihre Instrumente im Koffer zu lassen. Beide sind Pfarrerskinder, beide sind an der Trompete und der Posaune quasi aufgewachsen. Das muss reichen, erstmal. Für die Pflugs ist der Wechsel nach Berlin in den 70er Jahren ein neuer Lebensabschnitt. In der Evangelischen Adventgemeinde gibt es auch ohne Bläserarbeit genug zu tun. Bis zu jenem Abend im Herbst 1985, da sie in ihrer Pfarrwohnung im Gemeindehaus die Ohren spitzen: eine Trompete, eine Posaune. Ein Duo. „Blasen da welche?“ Die zwei jungen Männer im Gemeinderaum sind Jürgen Tetzlaff, heute Seelsorger im Kirchenkreis Berlin-Neukölln, und Matthias Stroh. Sie unterbreiten dem verblüfften Pfarrerehepaar die Idee: „Wir wären ein Quartett!“ Die Pflugs sehen einander an: „Sollen wir anfangen?“ Die Stunde des Posaunenchores hat geschlagen.
Instrumente aus dem anderen Deutschland
Anfang 1986 fragt Pfarrer Pflug in der Jungen Gemeinde, wer sich vorstellen könnte, ein Blechblasinstrument zu lernen. 15 Hände schnellen nach oben. Die Besetzung der ersten Stunde ist gefunden – die Instrumente sind es noch nicht. Als die westdeutsche Partnergemeinde in Dortmund-Schüren, selbst in der Posaunenchorarbeit aktiv, vom neuen Berliner Ensemble hört, durchstöbern die Westfalen umgehend ihre Bestände. Pfarrer Helmut Reckwitz bringt die Blechlawine ins Rollen, wörtlich, weil er sie mit dem PKW nach Ostberlin transportiert. „Den Grenzern gingen die Augen über.“ Doch sie lassen den Dortmunder passieren, „wiewohl mit dem Hinweis, bloß nicht in der Öffentlichkeit zu blasen“, erinnert sich der inzwischen pensionierte Theologe.
Ulrich Schöntube jetziger Landesposaunenpfarrer
Der heutige Landesposaunenpfarrer Ulrich Schöntube gehörte zu denen, die im Advent-Chor ihre ersten Töne spielen. Seine Eltern, beide Ärzte, sind vom Gedanken des Übens zuhause mäßig begeistert, die Neubauwohnung der Familie an der Landsberger Allee ist hellhörig. Zunächst kommt der Sohn mit einem Tuba-Mundstück nach Hause. „Damit sollte ich anfangen, aber das kam mir vor wie ein Eimer. Es war riesig“, erinnert sich Schöntube. Er sattelt um. „Es wurde immer kleiner, am Ende landete ich bei der Trompete und blieb da.“ Geprobt habe der Chor damals schon montagabends. „Im Herbst vorm Mauerfall haben wir anschließend Texte aus der Gethsemanekirche gelesen, ein Vaterunser gebetet und sind dann auseinandergegangen. Das war eine tolle Zeit.“
Niemand aus der Gruppe ahnt, dass der Posaunenchor keine zwei Jahre später eine ausgedehnte Konzertreise in die USA machen würde. „Der Mauerfall hat sich nicht abgezeichnet“, sagen die Pflugs. Hanna erhält 1988 ein Visum, um ihre Schwester zu besuchen, die die DDR elf Jahre zuvor Richtung Amerika verlassen hatte. Als Michael in einer Probe über den Trip sinniert, entschlüpft ihm: „Eines Tages fahren wir alle dorthin!“ Die Bläser zeigen ihm den Vogel.
„Mit Wessis musizieren, das war nie ein Problem“
Schon Ende Oktober 1989 sitzen vier Friedrichshainer auf gepackten Koffern. Michael Pflug, Jürgen Tetzlaff, Matthias Stroh und Martin Schulze haben von der Evangelischen Kirche die Genehmigung, in die Bundesrepublik zu reisen. Für einen Besuch bei der Dortmunder Partnergemeinde, die 75 Jahre alt wird. Die Vorbereitungszeit, in der die Fahrt anberaumt wird, beträgt ein Jahr. Am Mittag des Abreisetages, es ist der 24. Oktober 1989, erhält Michael Pflug beim Bund der Evangelischen Kirchen in der DDR den letzten der vier Pässe mit dem Dienstvisum ausgehändigt. Abends um 22.59 Uhr sitzen die vier Bläser im Transitzug, nachdem sie mit Koffern und Instrumenten die Passkontrolle am Berliner Grenzübergang Friedrichstraße passieren durften.
„Mit Wessis musizieren, das war nie ein Problem. Die Noten sind ja dieselben“, nimmt Jürgen Tetzlaff die Wiedervereinigung vorweg, um gleich wieder ernst zu werden: „Das war meine erste Westreise, ein echtes Abenteuer. Plötzlich stand man im Tränenpalast, dann auf dem Bahnsteig.“ Höhepunkt der Reise ist – durchaus bildlich – das gemeinsame Turmblasen der Berliner und der Westfalen vom Turm der Reinoldikirche, dem Wahrzeichen der Dortmunder Innenstadt.
Konzertreise in die USA
1991 erfüllen sich alle Bläserinnen und Bläser den Traum der mehrwöchigen Amerikareise. Stolze 4000 D-Mark kostet der Aufenthalt pro Kopf. Eine Station ist die Partnergemeinde in Lancaster County im US-Bundesstaat Pennsylvania, eine weitere Kalifornien. Auch Ulrich Schöntube, inzwischen 17 Jahre alt, ist dabei. „Für einen Jugendlichen, der hinter dem Eisernen Vorhang aufgewachsen ist, war das eine prägende Erfahrung.“ Er fügt hinzu, dass die ökumenische Zusammenarbeit der Berliner Bläserinnen und Bläser Weichen gestellt habe für sein späteres Ehrenamt im Landesposaunendienst der EKBO. „Ich hätte sonst niemals so einen Zugang gehabt.“ Seit 2007 ist er Landesposaunenpfarrer.
Ein Erlebnis mit der Partnergemeinde im rumänischen Mediasch ist Hanna Pflug im Ohr geblieben: „Ein Auftritt des Posaunenchors war auf dem Grundstück eines Bauernhofs. Kaum spielten wir, gackerten die Hühner und der Hahn krähte aus Leibeskräften. Je lauter die Musik wurde, desto lauter wurden auch die Hühner.“ Irgendwann sei der Gruppe die Beherrschung weggebrochen. Da lachten nicht die Hühner, sondern die Bläser.
Seit 2023 leitet Martin Majewski den Posaunenchor der Evangelischen Kirchengemeinde am Friedrichshain, wie sie seit 2022 heißt, hervorgegangen aus Advent, Zachäus und St. Bartholomäus. Majewski ist kein Pfarrerskind, das früh das Blechblasinstrument in die Hand gedrückt bekommt. Er schnappt es sich selbst und begründet die Wahl mit: „mein Arm war lang genug, ich konnte die Posaune ziehen.“ Vor den mittlerweile drei Generationen der Bläserinnen und Bläser zieht er indes den Hut: „Ich habe einen bestellten Acker übernommen. Der Chor hat ein hohes Niveau. Das Zusammenspiel ist von großem Vertrauen geprägt.“ Jürgen Tetzlaff ergänzt: „Es war immer ein Stückchen Ruf, mitzuspielen. Da liegt Segen drauf.“
Der Posaunenchor der Kirchengemeinde Am Friedrichshain probt montags ab 19.30 Uhr in der Kapelle der Advent-Kirche (Danziger Straße 201, 10407 Berlin). Neue Bläser*innen sind herzlich willkommen.



