Zerstört vor 81 Jahren am Ende des Zweiten Weltkrieges und nun wieder aufgebaut: Die Sankt-Marien-Andreas-Kirche, das Wahrzeichen der Havelstadt Rathenow, wird am 26. April neu eingeweiht.
Von Uli Schulte Döinghaus
Wenn es dunkel wird, dann strahlt die Sankt-Marien-Andreas-Kirche über Rathenow und macht ihrem Ruf als „Highlight“ der Stadt eine buchstäbliche Ehre. Das Gotteshaus ist auf dem „Kirchberg“ über der Havel gebaut, in Wahrheit ein kleiner Hügel, „über den man sich im Bergland Bayern kaputtlachen würde“, sagt Jens Greulich, einer der beiden Pfarrer der evangelischen Kirchengemeinde St. Marien-Andreas Rathenow.
Buckel hin, Hügel her – für die Rathenower sind Kirchberg und Kirche die Wahrzeichen ihrer Stadt. „Wo ist meine Heimat? Na genau dort, wo ich den Kirchturm sehe!“ – so zitiert Pfarrer Greulich ein gängiges Bürgerwort. Jemand, der die Zerstörung der Kirche im April 1945 miterlebte, habe ihn gefragt: „Wann werde ich wieder erleben, dass sie wieder entstanden ist?“
Viele Ehrengäste werden zur Wiedereinweihung erwartet
Antworten gibt es am Sonntag, 26. April. Dann wird die Sankt-Marien-Andreas-Kirche feierlich wieder eingeweiht. Ganz Rathenow wird sich auf den Weg machen. Bischof Christian Stäblein hält die Predigt. Aber auch zahlreiche Ehrengäste aus der Region werden belegen, dass der Wiederaufbau ein Ereignis ist. Eines, das über die Stadt an der Havel hinausragt und nach 81 Jahren zu einem guten Abschluss gekommen ist.
In der Nacht vom 28. auf den 29. April 1945 war die Kirche nach Beschuss durch Brandgranaten vollständig ausgebrannt; das Gewölbe stürzte ein, und der markante Turmhelm ging verloren. Ein geretteter Eichenbalken aus den Trümmern symbolisiert heute die Erinnerung an die Zerstörung. Die Ruine blieb ein Mahnmal. Erst in den 70er Jahren wurde ein Notdach errichtet, um den Verfall der Umfassungsmauern zu verhindern. Eine Rekonstruktion war in DDR-Zeiten politisch und finanziell kaum denkbar.
Kirchturmspitze per Hubschrauber aufgesetzt
In den Jahren 1990 bis 1998 wurde der Chor in reduzierter Form wiederhergestellt, die Mittelschiffsgewölbe wurden 2010, das Gewölbe in der Marienkapelle 2011 wiederaufgebaut. Ein symbolträchtiger Moment und ein Bild, das in keiner Stadtchronik fehlt, war die Rekonstruktion des Kirchturmes von 1999 bis 2001, die 2002 mit dem Aufsetzen der Kirchturmspitze durch den größten Lastenhubschrauber der Bundeswehr beendet wurde.
Die Ursprünge der Kirche reichen bis ins frühe 13. Jahrhundert zurück. Damals entstand ein spätromanischer Backsteinbau, der später – vor allem im 15. und 16. Jahrhundert – zu einer großen gotischen Hallenkirche erweitert wurde. Sie war die zentrale Pfarrkirche der Altstadt und damit religiöser, sozialer und städtischer Mittelpunkt. Die Kirche stand über Jahrhunderte für den sichtbaren Zusammenhalt der Stadtgemeinschaft – als Gemeinschaftsort für Gottesdienste, Feste und Erinnerungskultur. Architektonisch gilt sie als bedeutendes Beispiel norddeutscher Backsteingotik.
Auch Nicht-Christen kämpften für den Wiederaufbau der Sankt-Marien-Andreas-Kirche
Ohne beharrlichen und kreativen Bürgersinn wäre der Wiederaufbau so nicht möglich gewesen; Pfarrer Greulich spricht von einer „Verbindung zwischen Kirchengemeinde und Zivilgesellschaft“. Dazu gehörten und gehören auch viele Bürger ohne christlichen Hintergrund, die um den Wiederaufbau kämpften – aktiv und mit Spendengeldern.
Der Förderkreis zum Wiederaufbau der Sankt-Marien-Andreas-Kirche in Rathenow e.V. um Heinz-Walter Knackmuß habe bereits in früheren Bauphasen viel Geld eingetrieben. Dieser Schwung habe dann dazu geführt, dass andere auf den Zug aufgesprungen seien – bis hin zu den Fördermitteln von Bund und Land in Höhe von 7,5 Millionen Euro, die eine hundertprozentige Förderung darstellten. „Das heißt, es ist kein Geld aus der Kirchengemeinde hineingeflossen“, betont Greulich.
Spenden für eine neue Orgel in der Sankt-Marien-Andreas-Kirche
Jetzt werden Spendengelder für eine neue Orgel eingeworben. Für eine Spende von 100 Euro können Interessierte die Patenschaft für eine Orgelpfeife übernehmen. Die Orgel wird über dem Eingangsbereich erklingen, also der Turmhalle, die umfassend erneuert und ergänzt wurde. Ein heller Raum, in den von oben ein großes Licht fällt. Ringförmig, auf Augenhöhe, zieht sich eine Inschrift um die Wand. „Wie sich der Himmel über die Erde wölbt, so umgibt Gottesliebe alle, die ihn verehren“ (Psalm 103, Vers 11). Die Buchstaben sind aus Spiegeln. „Das heißt, man sieht sich in dieser Schrift selbst wieder“, sagt Greulich. „Das ist wie so ein Programm für die Kirche. Etwas, worüber Sie nachdenken und was Sie als Besucher erleben.“
Die Kirche soll künftig nicht nur für Gottesdienste genutzt werden, sondern auch für kulturelle Veranstaltungen und Begegnungen. Insgesamt bietet die Kirche 650 Plätze, was auch größere Konzerte ermöglicht. Pfarrer Greulich unterstreicht die gemeinschaftsstiftende Bedeutung: „Das ist ein Begegnungsort, auch für kulturelle Veranstaltungen. Die Stadt kann diesen Raum nutzen für Dinge, die zu uns passen. Auch damit zeigen wir, dass wir wirklich ein Teil des Gemeinwesens sind.“
Rathenow: Kirche und Stadt sind eng verbunden
Die Kirchengemeinde mit ihren 1600 Gemeindegliedern ist eng mit Rathenow verbunden, nicht nur kulturell. Sie betreibt eine eigene Kita mit bis zu 100 Plätzen, eine Jugendeinrichtung namens „Oase“, die sich als Ort der Begegnung für Jugendliche jeglicher Herkunft und Konfession versteht. Auch mit der Diakonie Havelland arbeitet die Kirchengemeinde eng zusammen, die in der Stadt Schulsozialarbeit, einen mobilen Mittagstisch, Seniorenbetreuung und häusliche Krankenpflege anbietet.
Mit einem Gottesdienst am 26. April wird die St. Marien-Andreas-Kirche in Rathenow wieder eingeweiht. Er beginnt um 10.30 Uhr mit dem Einzug des liturgischen Inventars. Bischof Christian Stäblein predigt. Anschließend findet ein Gemeindefest statt. Weitere Infos gibt es hier.



