Estnische Flagge in Blau, Schwarz und Weiß mit einem hellen Kreuz im Vordergrund.
Die Evangelisch-Lutherische Kirche in Estland steht vor großen Herausforderungen und sucht neue Wege, um Menschen zu erreichen. Illustration: KI-generiert

Estland: Diasporakirche an der Grenze

Nur wenige Menschen in Estland gehören der lutherischen Kirche an. Doch engagierte Gemeinden suchen neue Wege, um auch Kirchenferne zu erreichen. GAW-Generalsekretär Enno Haaks berichtet von einer Kirche in Bewegung.

Von Enno Haaks

Die hohen, weißgetünchten Türme lutherischer Kirchen prägen Estlands Städte und Dörfer, doch im Alltag spielen sie für die meisten kaum eine Rolle. Nur 8 Prozent der Bevölkerung bekennen sich zum Luthertum. Die große Mehrheit von 58 Prozent ist schlichtweg areligiös. Der Weg in die Kirche ist nicht selbstverständlich. Die Estnische Evangelisch-Lutherische Kirche (EELK) steht vor großen Herausforderungen: Mitgliederschwund, fehlende staatliche Unterstützung und Nachwuchssorgen. Sie muss sich bewegen, Glaubenslose einladen und neue Formen suchen. Und ich habe dort viele engagierte Menschen getroffen, die mit großer Energie und Zuversicht genau das tun.

Neue Wege zu den Menschen

„Die Leute wissen von den Kirchen eigentlich nichts“, sagt Pastor Ariel Süvari aus Saku. Man knüpfe Netzwerke und komme so ins Gespräch. Ein Großteil der Konfirmanden sind heute Erwachsene, die spät nach Gott fragen – wie Urmas Karileet. Er war Manager, wusste nicht einmal von seiner Taufe als Säugling, studierte dann neben Familie und Beruf Theologie und ist heute mit 68 Jahren Pastor in drei Gemeinden.

Viele Geistliche haben vorher andere Berufe ausgeübt oder tun es nebenher: Merike Kütt ist Lehrerin, Küllike Valk war bei der Polizei, Annika Laats arbeitete als Krankenschwester. Sie kennen die Welt außerhalb der Kirche. Laats leitet die Gemeinde Risti, einen Gegenentwurf zur ländlichen Schrumpfung. Vor 21 Jahren zählte sie unter 100 Mitglieder, heute gehört Risti zu den größeren Gemeinden der EELK. Ihr Leitwort lautet: „Kõik on teretulnud!“ – „Alle sind willkommen!“ Gemeint sind Geflüchtete und Randständige genauso wie kirchenferne Familien, die durch Aktionen wie die „Pfefferkuchennacht“ oder einen Trauerort für Sternenkind-Eltern erreicht werden.

Gustav-Adolf-Werk unterstützt estnische Gemeinden

Besonders bewegt hat mich Narva an der Grenze zu Russland. Dort prägen Sprache, Geschichte und Identität die Arbeit. Russische Sprache bedeutet keine Russlandtreue, doch unterschiedliche Medienwelten trennen Menschen. Die lutherische Kirche schafft hier Räume, in denen verschiedene Biografien Platz haben. Narva zeigt, was Diasporakirche sein kann: klein, verletzlich und dennoch präsent. Das Gustav-Adolf-Werk unterstützt estnische Gemeinden seit 1991, so auch in Saku, Risti und Narva. Dabei geht es um mehr als Gebäudeerhalt: Es geht darum, dass Gemeinden ihren Auftrag wahrnehmen können: Gottesdienste feiern, Menschen begleiten und in Krisen da sind.

Spenden für die Arbeit des GAW unter:
Gustav-Adolf-Werk e. V.
IBAN: DE42 3506 0190 0000 4499 11
BIC: GENODED1DKD

Enno Haaks ist Pfarrer und Generalsekretär des Gustav-Adolf-Werks.

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