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Gemeinsam das Osterfest feiern

Ostern 2022 ist nicht unbeschwert. Doch das Osterlicht kommt mitten aus dem Dunkel zu uns. Es gibt Hoffnung. Und viele Gemeinden sind da für Geflüchtete. Darüber spricht Bischof Christian Stäblein mit Barbara Manterfeld-Wormit

Foto: Christian Ditsch/epd

Bischof Stäblein, Ostern feiert die christliche Kirche das Fest der Auferstehung – für viele verbunden mit Osterspaziergang, Eier­suchen, Brunchen. Aber wie geht das eigentlich in dieser Zeit an­gesichts von Krieg und ­Zerstörung mitten in Europa? 

Ja, so ganz unbeschwert kann das Osterfest auch dieses Jahr nicht sein. Auf der anderen Seite ist die Osterhoffnung, das Licht, das Ostern einbricht, eines, das mitten aus dem Dunkel zu uns kommt.  Das Licht gilt in der Todesnacht und durchbricht die Todesnacht – das ist die Botschaft von Ostern! Dass wir genau aus diesem Gefühl heraus mit den Menschen aus der Ukraine gemeinsam dieses Osterfest begehen – ich glaube, das ist ganz wichtig.

Christliche Osterlieder weisen ­Anklänge an Kriegssprache auf: Der Auferstandene schwingt sein Siegesfähnlein als ein Held. In einem Lied heißt es: „Jesus bringt Leben!“ – Wir schauen zeitgleich auf zerstörte Städte und Leichname in der Ukraine. Muss man nicht eigentlich sagen: Der Tod bleibt am Ende doch Sieger?  

So scheint es immer wieder für uns Menschen. Das sind die Bruta facta des Lebens, die rohen Wahrheiten, dass am Ende immer der Tod das letzte Wort zu haben scheint. Es ist interessant, dass Sie das Bild mit dem Siegesfähnchen noch einmal aufnehmen. Viktoria heißt es ja auch in einem dieser Osterlieder. Ich habe neulich beim Besuch in Polen eine ukrainische Familie getroffen. Eines der Mädchen heißt Viktoria, und wir mussten alle ein bisschen schmunzeln. Uns war in diesem Moment klar: Es geht nicht in irgendeiner Weise um den Sieg hier auf der Erde im militärischen Sinne. Es geht um Gottes Sieg über den Tod und dass er will, dass genau diese Menschen, diese Kinder leben, dieses Mädchen Viktoria lebt. Ich glaube, das ist die Botschaft dieser Tage: Am Ende soll das Leben siegen und nicht der Tod das letzte Wort haben. Das scheint mir das Entscheidende.

Und trotzdem wird ja beides ­gekoppelt: himmlische Hoffnung und ­irdischer Einsatz. Jedes Jahr zu Ostern finden Friedensmärsche statt. Diesmal werden sicher ­besonders viele Menschen auf die Straße gehen. Gehört zu Ostern nicht immer auch eine ­aktuelle Zeitansage und politische Botschaft?

Auf jeden Fall: Das gehört dazu. Das gilt vom ersten Osterfest an. Darum wird am Ostermontag in ­unseren Kirchen immer wieder die Geschichte von den Jüngern gelesen, die nach Emmaus gehen, die also auf dem Weg sind. Ostern bringt immer in Bewegung. Ostermärsche für den Frieden sind ein Zeichen von Anfang an: Nicht der Tod hat gewonnen!

Spazieren für den Frieden reicht aber nicht mehr, oder?

Spazieren reicht nicht! Nein: Wir demonstrieren für den Frieden. Und es ist toll, wie viele Menschen das jetzt im Moment tun. Aber das reicht auch nicht, sondern: Wir sind da für die Menschen, die kommen. Wir stehen zusammen als europäische Einheit – auch in den Sanktionen. Das bedeutet auch, dass wir auf etwas verzichten müssen, damit ganz klar ist: Wir stehen für das Ende des ­Krieges.

Die Evangelische Kirche in Deutschland hat Sie zum Beauftragten für Flüchtlingsfragen ­berufen. Was genau werden Ihre Aufgaben sein?

Mit dieser Beauftragung ist zunächst einmal verbunden, diesem Blick auf Migration und Integration – und das bewegt uns überall auf der Welt – Stimme, Gesicht und Fokus zu geben. Es gibt ganz viele Ursachen für Flucht auf der Welt: Wir haben seit über zehn Jahren einen furchtbaren Krieg in Syrien. Es gibt immer wieder Migrationsbewegungen aufgrund des Klimawandels. 

Wir haben eine doppelte Aufgabe: Wir müssen die Fluchtursachen bekämpfen, und wir müssen für die Menschen da sein, die zu uns kommen, diese Flucht und dann auch das Ankommen begleiten. Das ist eine Aufgabe, die im Moment auf der Hand liegt, aber in den letzten Jahren immer wieder aus dem Blickfeld verschwunden ist: Sofort, wenn es nicht ein ganz hochaktuelles Problem gibt, verlieren wir als Gesellschaft die Sache schnell aus dem Blick. Damit das nicht geschieht, gibt es jemanden, der dafür beauftragt wird.

Sie sind nicht zufällig mit diesem Amt betraut worden: Sie sind auch Bischof in der Hauptstadt. Auch wenn es eine klare Trennung von Staat und Kirche gibt: Wie ist denn die Verbindung – gerade in der Flüchtlingsfrage?   

Ich erlebe eine sehr gute Zusammenarbeit: Wir unterstützen einander, wo es gebraucht wird. Wir tun nicht alle das Gleiche. Dazu gehört aus meiner Sicht, dass wir als Kirche gerade mit unseren Gemeinden die Möglichkeit haben, vulnerablen Gruppen, also Menschen, die mit besonderen Beeinträchtigungen kommen und daher nicht gut in Sammelunterkünften sein können, mit unserer überschaubaren Struktur eine Perspektive geben können. Wir können an dieser Stelle schnell vermitteln. Wir können mit unseren Kindertagesstätten für die Kinder da sein. 

Wir können Ukraine-Cafés einrichten, in denen die Menschen miteinander reden und im Austausch sein können, wo ihnen zugehört wird, sie Sinnfragen stellen können. All das, was das Leben ausmacht über die Frage von satt und ein Dach überm Kopf hinaus. Ich glaube, das können wir gut, und da ist es gut, dass wir mit den staatlichen Stellen eng zusammenarbeiten und uns abstimmen.

Sie sind nicht nur in Berlin ­Bischof, sondern auch im Land Brandenburg. In Frankfurt (Oder) und  Cottbus kommen jetzt sehr, sehr viele Flüchtende an. Gerade unsere polnischen Nachbarn sind von der großen Fluchtbewegung aus dem Nachbarland besonders betroffen. Gibt es eine Verbindung zur polnischen Kirche?

Ich bin vor einigen Wochen in unserer Partnerdiözese gewesen und werde in den nächsten Wochen wieder dorthin reisen, um unsere Solidarität an dieser Stelle zu zeigen. Ich war in ´Swidnica/Schweidniz in der Nähe von Breslau. Breslau ist unsere Partnerdiözese. Es ist unglaublich beeindruckend, was unsere polnischen Geschwister für die Menschen tun. Es sind dort viel mehr Geflüchtete als bei uns – das gilt im Übrigen auch für Ungarn – und ich finde es fantastisch, was diese beiden Länder, mit denen es ja auch Diskussionen in der Europäischen Gemeinschaft gegeben hat, jetzt mit der Aufnahme von Flüchtlingen leisten. Die stehen jetzt voll dafür ein. Die große ­Herausforderung ist, dass viele Geflüchtete in der Nähe ihres Heimatlandes bleiben wollen, um möglicherweise schnell zurückkehren zu können. Dafür stehen unsere polnischen Geschwister ein. Wir unterstützen, wie wir können. Ich habe natürlich auch das mitgebracht, was dann auch dazu gehört: Man braucht Geld, um diese Arbeit tun zu können. Und das ist etwas, was wir geben können.

Teilen Sie die Befürchtung, dass diese sehr große ­Hilfsbereitschaft im Moment  auch kippen kann in  Überforderung, in das Gefühl: Es ist zu viel – das schaffen wir nicht?

Ich glaube und hoffe, dass wir aus den Jahren 2015 bis 2017 gelernt haben, dass man von Anfang an einen realistischen Blick auf das haben muss, was zu tun ist. Es ist gut, dass nach einer anfänglichen Welle der Hilfsbereitschaft durch die vielen Ehrenamtlichen, die staatlichen Stellen sich schnell umgestellt haben. Allein mit ehrenamtlichen Kräften ist das nicht zu schaffen und soll auch nicht zu schaffen sein. Das würde nur dazu führen, dass die Stimmung schnell wieder kippt. Nein: Diesmal müssen wir sehr viel realistischer gucken, weil wir einen ganz langen Atem brauchen werden und: weil wir den Menschen, gerade den vielen Kindern, auch eine ­Perspektive geben müssen.

Ostern bedeutet ja: Leben beginnt neu – Leben beginnt anders. Genau das steht den Flüchtenden bevor, die zu uns kommen und ihr altes Leben zurücklassen mussten: Sie müssen möglichst schnell ­wieder Fuß fassen. Was sind aus Ihrer Sicht die wichtígsten Dinge, die jetzt passieren müssen, damit das gelingt – und zwar schnell?

Die Menschen müssen spüren, dass sie in Sicherheit sind. Traumatisierungen müssen begleitet ­werden. Also: Dach über den Kopf, Sicherheit geben, psychologisch, seelsorglich begleiten, aber dann vor allem: Integration! Das heißt: ­Willkommensklassen organisieren, Sprachbildung, Schulbildung und – das habe ich bei unseren polnischen Geschwistern gesehen: Es ist am besten, wenn die Menschen sofort auch eine Aufgabe bekommen. Wenn sie ihre Fähigkeiten, die sie haben, auch einbringen können. Wenn sie nicht den ganzen Tag zu Hause sitzen und dem Elend ausgesetzt sind, sondern sich einbringen können. Sie wollen das auch!

Auch da sind Kirchengemeinden gute Anlaufstellen, oder?

Aber ja! Ich glaube, da haben wir viel zu bieten. Es gibt unheimlich viele tolle Ideen, die unsere Gemeinden haben. Ich will das einmal deutlich sagen: Jetzt feiern wir gemeinsam Ostern. Die Gemeinden haben nach der sehr harten Zeit der Pandemie und der vielen Erschöpfung, die ja schon daraus resultierte, genau das getan, was dran ist: Sie haben ­gesagt: Wir sind da! und sie haben angepackt. Ich finde, das zeigt, mit welcher Kraft und Stärke die ­Menschen ihren Glauben leben.

Was ist Ihre Osterbotschaft 2022?  

Gottes Nacht scheint in die Nacht des Todes. Gott begleitet und hält – auch zwischen Bunkern und Trümmern. Gott gibt neues Licht und neue Hoffnung, aber er bleibt auch da, wo der Tod über uns hereinbricht – und er bricht ihn auf.

Das Interview führte Pfarrerin Barbara Manterfeld-Wormit, Leiterin des Evangelischen Rundfunkdienstes der EKBO.

Das ganze Gespräch gibt es am Ostermontag, 8.40 Uhr, auf Antenne Brandenburg und um 10 Uhr (in Auszügen) auf rbb kultur. Nachzuhören unter: www. Rundfunkdienst.ekbo.de

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1. Wir sind Pfarrerinnen Wolfgang Banse Was lange jährt, wird endlich gut, hier die Ordination von Frauen als Pfarrerinnen in der Evangelischen Kirche in Polen.Gleichberechtigung im Berufsleben von Mann und Frau ist im Pfarralltag erleb-erfahrbar.In der lettischen Evangelischen Kirche, in der Selbstständig Evangelisch lutherischen Kirche (SELK9 in der Römisch katholischen Kirche gibt es keine Ordination von Frauen als Pfarrerinnen/Pastorinnen, sowie keine Weihe zur Priesterin.Deer Pfarrberuf ist nicht angelegt auf das männliche Geschlecht.Pastoren, Priestermangel ist in Deutschland vorhanden. Diesen kann abgeholfen werden, wenn Frauen zum Pfarrerinnen/Pastorenamt, Priesterinnenamt zugelassen werde würden.Nicht die Kirchenleitungen sollten darüber befinden , sondern die Basis, das Kirchenvolk:Wir sind Kirche und verkörpern diese nach innen , wie auch nach außen.
2. Wir sind Pfarrerinnen Kowitz, Wolfram hatte erwartet, dass der konservative poln. Präsident dazwischen funkt.
Übrigens hat die "PK" (Potsdamer Kirche) auch ein neues Wort kreiert "Diakonin". Darf ich weiter "Diakonisse" sagen ? So wie der weibliche Hornist eben eine Hornisse ist! Bei einer Leserumfrage würden sich 80 % gegen das Gendern aussprechen!
3. Vermittler und Brückenbauer Wolfgang Banse Mit 93 Jahren verstarb er ehemalige Bischof Dr. Martin Kruse.Viele leitende Stationen in den Kirchen nahm er wahr, übte sie aus, sei es als Leiter des Predigerseminars in Loccum(Zu früheren Zeiten gab es die Runde, wer im Predigerseminar Loccum sein Vikariat absolviert, wird mindestens Superintendent) Der Sprengel Stade verlor mit seiner Wahl als Bischof einen sehr engagierten Landessuperindenten.Als Bischof, EKD Ratsvorsitzender bezog er zu vielen Themen, eine eindeutige, klare Position.Während seiner Tätigkeit als Bischof und EKD Ratsvorsitzender fiel die innerdeut-
sche gezogene Mauer.Gerne erinnere ich mich an Begegnungen in der S-Bahn, mit dem emeritierten Bischof Dr. Martin Kruse, als Ruheständler. Der verstorbene Bischof Dr. Martin Kruse hat sich um die Kirche, hier Evangelisch-lutherische Kirche Hannover, sowie in Berlin verdient gemacht. Vergelt Gott hierfür.

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