Zur Hauptnavigation springen Zur Suche springen Zum Inhalt springen
RSSPrint

„Hanau war ein Wendepunkt“

04.03.2020

Theresa Brückner (32) ist seit 2019 Pfarrerin für Kirche im digitalen Raum im Kirchenkreis Tempelhof-Schöneberg. Die Ostberlinerin stammt aus einer protestan­tischen Familie. Bereits als Teenager fasste sie den Entschluss Theologie zu studieren. Man kennt Theresa Brückner über die Stadtgrenzen hinweg, weil sie als Pfarrerin @theresaliebt im Internet unterwegs ist. Im Interview mit Karola Kallweit spricht sie über Kirche im Netz, Sexismus und Strategien gegen Rechts.

Frau Brückner, wann haben sie gemerkt, dass Sie das Internet und die Theologie professionell miteinander verbinden können? 

Während der Studienzeit und zwar als ich mich auf mein erstes theologisches Examen vorbereitet habe. Davon und von meinem Job als Jugendmitarbeiterin in der Hoffnungskirche in Pankow habe ich auf Instagram erzählt. Spannend war, dass Menschen sich dafür interessierten, die gar nichts mit Kirche zu tun hatten. Da habe ich gemerkt,  dass das Internet eine Möglichkeit ist, raus aus der Theologieblase zu kommen. 

(...)

Überschneiden sich die beiden Welten, online und offline?

Auf kirchlichen Veranstaltungen erlebe ich es häufig, dass ich jemanden treffe und er mir sagt, ich kenne dich aus dem Internet. Es kommt auch vor, dass Menschen die Anonymität des Netzes verlassen und zum Gottesdienst kommen.

Sie sind auf vier Plattformen aktiv: Instagram, Twitter, Youtube und Facebook. Unterscheiden sich die Inhalte, die Sie auf diesen Plattformen veröffentlichen?

Auf Twitter kann ich auch mal binnenkirchliche Themen ansprechen, weil da viele Leute sind, die sich mit und in der Kirche auskennen. Auf Instagram benutze ich hingegen eine ganz andere Sprache, da erkläre ich zum Beispiel immer, was ein Vikariat ist, wenn ich das Wort in einem Beitrag benutze. Die Nutzer hier sind zwischen 13 Jahren und 80 Jahren.

Welche ist die emotional anstrengendste Plattform?

Ich finde auf Youtube ist die Feedback-Kultur ganz schwierig. Da ich mich bewusst liberal positioniere, findet man dort viele fundamentalistische Kommentare. Ich habe dort die Schlagworte Satan und Teufel blockiert. Wer diese Wörter benutzt, kann nun nicht mehr kommentieren. Dort wurde häufig geschrieben, ich sei die Stimme des Teufels. Twitter ist auch anstrengend, weil hier viele ein großes Geltungsbedürfnis haben. Hier sind viele Theologiestudierende und Promovierende unterwegs, die teilweise sehr gereizt reagieren auf meine theologischen Themen.

Der Ton auf Twitter hat sich auch verändert in den letzten Jahren.

Das Gefühl habe ich auch. Als Frau ist es nochmal schwieriger in der Öffentlichkeit von sozialen Medien. Ganz oft bekomme ich ungefragt Tipps, wie es eigentlich richtig ist, was ich doch am besten machen könnte, dass sich dieses oder jenes ändert. Ich denke dann immer, ich hab doch gar nicht um Hilfe gebeten. Männern würde man im Internet wohl eher nicht so begegnen. Im Schnitt bekomme ich einmal im Monat die Nachricht, dass ich als Frau im Pfarramt nichts zu suchen habe. In der Gemeinde sagt mir das keiner.

Woher kommt dieser Sexismus?

Aus fundamentalistischen Kreisen, die diese Stelle im ersten Korintherbrief ernst nehmen: Die Frau schweige in der Gemeinde. Der Vorwurf an mich lautet dann, warum ich mich nicht an die Bibel halte?  Ich nähme die Bibel nicht ernst, sei keine echte Christin.

Begegnet Ihnen Sexismus im Netz anders als offline?
Was ich kritisiere ist der salon­fähige Alltagssexismus in unserer Gesellschaft, der natürlich auch in den Gemeinden zu finden ist, weil Kirche ein Teil der Gesellschaft ist.

Haben Sie Beispiele?

(...)

Artikelkommentar

Artikelkommentar
captcha
Hinweis: Die von Ihnen ausgefüllten Formulardaten werden lediglich für die Zwecke des Formulars genutzt. Eine andere Verwendung oder Weitergabe an Dritte erfolgt nicht.

Artikelkommentare

(3) Artikel Name Ihr Kommentar
1. Theologie in Zeiten von Corona Andrea Richter Theologie in Zeiten von Corona
Auf meinem Schreibtisch liegt eine Postkarte, die ich vor zwei Jahren während eines wundervollen Urlaubes in der in Arles, in der Fondation Vincent van Gogh, gekauft habe: ein Totenschädel.
Memento Mori, bedenke, Mensch, dass du sterben musst!
Das macht mir keine Angst, und es hat für mich nichts, aber auch gar nichts mit einem strafenden Gott zu tun.
Das Bild erinnert mich an Adam, den ersten Menschen, dem Gott (nach Genesis 2, 7) den Odem des Lebens in seine Nase blies, so dass der Adam (Mensch) von der Adama (der Erde) zu einem lebendigen Wesen wurde.
Der Mensch, der Atem, das Leben – die Lebensantwort auf den Ruf: bebauen und bewahren!
Das Virus, der Kampf um das Atmen-Können und die Bedrohung durch den Tod.
Corona – ist auch ein memento mori!
Unsere christliche Tradition gründet darauf:
Jesu Leben – Jesu Sterben am Karfreitag – in Gott hinein – Auferstehehung– ewiges Leben – ewiger Lebensodem!
Die Chance: Aufatmen (hier & jetzt) wieder Atmen lernen, uns (vor allem auch als Kirche) nicht mehr verausgaben.
Ja, aufstehen gegen Tod und Lebensfeindlichkeit – aber zugleich auch Umkehren – uns wieder bewusstwerden, was vor allem die Abendlieder unseres Gesangbuches uns lehren:
„Ein Tag, der sagt dem andern, mein Leben sei ein Wandern zur großen Ewigkeit. O Ewigkeit, so schöne, mein Herz an dich gewöhne, mein Heim ist nicht in dieser Zeit“ (EG 481, 5 Text: Gerhard Tersteegen, 1745)
Wir dürfen als Kirche (wieder) lernen, Menschen in Angewiesenheit, Hilflosigkeit und Abhängigkeit zu werden – und Gott in allem zu suchen und zu finden; wir dürfen lernen, uns nicht zu scheuen, von Gott zu reden, der alles in allen ist:
„Das eine ist mir so klar und spürbar wie selten:
Die Welt ist Gottes so voll.
Aus allen Poren der Dinge quillt er gleichsam uns entgegen.
Wir aber sind oft blind.
Wir bleiben in den schönen und bösen Stunden hängen
Und erleben sie nicht durch bis an den Brunnenpunkt,
an dem sie aus Gott herausströmen.
Das gilt für das Schöne und auch für das Elend.
In allem will Gott Begegnung feiern
Und fragt und will die anbetende, hingebende Antwort.
Die Kunst und der Auftrag ist nur dieser,
aus diesen Einsichten und Gnaden
dauerndes Bewusstsein und dauernde Haltung
zu machen und werden zu lassen.
Dann wird das Leben frei in der Freiheit
Die wir immer gesuchte haben.“

(am 17. November 1944 auf einen Kassiber von Alfred Delp mit gefesselten Händen geschrieben aus seiner Zelle im Gefängnis
2. Vor allem Umkehren und Lernen: aushalten und beistehen Michael Juschka Der Dialog ist anregend und ich danke den unsere Kirche Leitenden für ihre erfrischende Offenheit. Möglicherweise könnten auch ausgetauschte E-Mails noch einmal überarbeitet werden, damit die Gedanken stärker konturiert werden. Das Glaubensbekenntnis beginnt mit dem Glauben an Gott als Schöpfer. Deshalb wird es nicht leicht sein, Gottes Wirken nicht auch in Gefährdungen zu sehen, die sich aus dieser so vorfindlichen Schöpfung ergeben. Eine Botschaft, die ich auch aus dem Mund von Wissenschaftler*innen höre, steckt in der Frage, ob wir nicht Abstand davon nehmen müssen, Tiere in uns aufzunehmen. Mir fallen nur die Schlagworte wie Rinderwahnsinn, Schweine- oder Vogelgrippe ein. Was ist eigentlich mit den Wildschweinen los? Wir können auf keinen Fall gegen die Schöpfung selbst unser Leben entfalten und bewahren. Es geht um ein bauen und bewahren dessen, was vorgegeben ist.
3. GOTT braucht keine Kranken, um uns zu unterrichten Georg Wagener-Lohse Liebe Christina, Lieber Christian, zuerst dachte ich „typisch evangelisch und typisch akademisch – so viele Worte“. Und etwas Abgrenzendes sprang mich an. Ob es mit mir selbst zu tun hatte, mit meiner Sehnsucht nach einer empathischen aber auch deutenden Kirche?
Dann habe ich mir später noch einmal Zeit genommen und versucht, hörend zu lesen. Ja, zur Ruhe möchte ich auch gerne kommen, Trost finden, neben dem vielen Aufgeregten und Erschreckenden. Ja, und nach einem Sinn darin taste ich auch.
Da fiel mir dann auf, dass wir ganz nahe bei einander sind mit dem Gott, der Atem ist, der da ist. Und da tauchte sogar das Bild auf, das er uns geschenkt hat und was ich auch im Text gesucht hatte: der Gott mit uns, Immanuel, der den wir als den Christus bekennen.
Und dann bin ich dankbar für die Frage am Ende „Wie bringen wir das in Worte zur richtigen Zeit?“ - eine Haltung, die warten kann, dass der Atem kommt, der unsere Stimmen zum Schwingen bringt und unsere Füße in Bewegung setzt.
Abgesehen von den gestrigen, die den rächenden Lehrmeister wieder beschwören wollen, möchte ich aber auch noch um unsere Solidarität mit denen bitten, die unsere gesellschaftliche Krise vor und nach „Corona“ sehen. Sie reiben sich die Augen, was wir alle plötzlich zustande bringen an Konsequenz. Ich finde hilfreich, was Matthias Horx als Re-gnose beschrieben hat, und ich finde auch eher diejenigen autoritär, die uns bei einem mit der Schöpfung unverträglichen Lebensstil halten wollen. Ich wünsche mir so sehr, dass auch unsere Kirche auf dem Weg aus dieser Gefangenschaft dabei sein wird.
Herzlich, Georg

Hier gelangen Sie zur Übersicht über alle Kommentare.