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RSSPrint

Liegestütze und Jahreslosung

06.01.2021

Eine Jahreslosung für Trostsuchende. Und für die, die keinen Trost finden

Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist 
Lukas 6,36

Von Christian Stäblein

Heu – das Wort gehört für Ilse Aichinger zu den besonderen, wie Schnee. Es sind für sie die Künder vom Vergangenen, Vergänglichen. Heu etwa erzählt vom Sommer, von der Üppigkeit. Dem Gewesenen. Man möchte einmal seufzen. Schon wegen der gleichen Laute. Heu. Ach, wenn doch wieder Sommer ist. Aber Schnee ist auch schön. Seufz. Ja, man kann das Jahr mit einem großen Seufzer beginnen. Der muss gar nicht aus Traurigkeit herrühren, kann einfach ein tiefes Durchatmen sein, eine kurze Unter­brechung in dieser Zeit, die steht und rennt zugleich. 

Das Seufzen mit dem schönen eu aus Heu steckt auch in der Jahreslosung für 2021, zugegeben ein wenig versteckt, aber einmal entdeckt, ist es nicht zu überhören. Oiktirmones ist das griechische Wort, das hier für barmherzig steht, oiktirmones, eine ganz und gar praktische, tätige Barmherzigkeit, keine Theorie von Barmherzigkeit, ein Mitseufzen. Werdet Mitseufzende, wie euer Vater im Himmel ein Mitseufzender ist. Eine Jahreslosung für Trostsucherinnen und -sucher, für alle, die ihn darin finden, dass Gott sich erbarmt. Und auch für die, die keinen Trost finden. Heu. Das Korn von gestern. Und unser himmlischer Vater ernährt uns doch! 

Neben diesem sprachpoetischen Zugang zur Jahreslosung – inspiriert von Ilse Aichinger, deren Geburtstag sich dieses Jahr zum 100. Mal jährt – will ich den biblisch-theologischen nicht übersehen. Der 36. Vers im 6. Kapitel des Lukasevangeliums – Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist – ist dort eine Art Gelenkstelle. Man weiß nicht genau, wohin er gehört. Zum Abschnitt unmittelbar vorher, wo es um Feindesliebe geht? Oder zur direkt auf den Vers folgenden Passage, die sich dem Umgang mit Fehlern widmet, denen der anderen und vor allem der eigenen. Bald schon folgt der Hinweis auf zu ziehende Splitter im Auge (der anderen) und zuvor Balken (im eigenen Auge). Dazwischen der Aufruf zum Barmherzig-Sein, quasi als Gelenk, als das alles Verbindende. Glauben ohne Barmherzigkeit versteift, wird unbeweglich. Liegestütze und Jahreslosung könnte man also, in Anlehnung an Manfred Stolpes tägliches Vorhaben Losung und Liegestütze, fürs neue Jahr empfehlen.   

In den bewegungsarmen Zeiten nehme ich mir das immer wieder vor – und schaffe es doch nicht so viel, wie ich wünschte. Dann hilft die Jahreslosung. Seid barmherzig heißt auch: Sei barmherzig damit, dass du gerade nicht vollkommen bist. Die Parallelstelle zum Lukasvers steht im Matthäusevangelium, da wird überliefert: Seid ihr nun vollkommen, wie euer Vater im Himmel vollkommen ist. Im ersten Moment denke ich: Gut, dass nicht das die ­Jahreslosung ist, klingt schnell nach Überforderung. Andererseits: Bei Matthäus geht es mit der Vollkommenheit immer um die Gerechtigkeit – und die sollen und wollen wir im neuen Jahr gewiss nicht hintenanstellen. Also lieber das Verbindende suchen. Das ist bei Matthäus und bei Lukas ja die Methode, wie gerecht sein und barmherzig sein real wird: durch nach­ahmen. Wer lächelt nicht zurück, wenn er oder sie angelacht wird?! Oder seufzt mit, erbarmt sich, weil sich erbarmt wurde. 

Wir werden in ein paar Monaten wahrscheinlich viel einander verzeihen müssen – hat der Gesundheitsminister schon im letzten April gesagt. Und für mich damit irgendwie die Jahreslosung vorweggenommen. Jedes Jahr, so scheint es manchmal, hat die Jahreslosung, die es verdient oder besser: die es braucht. Im vergangenen Jahr mit „Ich glaube, hilf meinem Unglauben“ der Schrei des hilfesuchenden ­Vaters einer kranken Tochter, zerrissen und bedürftig. Dieses Jahr nun die Mahnung Barmherzigkeit zu üben: verzeihen, bleiben, seufzen. Ein stetes Werden darin, denn wie für das ganze Glaubensleben gilt auch hier richtig übersetzt: Es ist ein stetes barmherzig Werden, nie schon ein fertiges Sein. 

Ilse Aichingers Gedicht „Heu“ endet mit den Worten der „Gewissheit, dass es keinen Trost gibt, aber den Jubel, Heu, Schnee und Ende“. Wer Ilse Aichinger dieses Jahr wieder liest, wird feststellen, dass es bei ihr wahrlich keinen billigen Trost gibt. Sondern wirklich tröstliches Aushalten. Auf den Jubel hin. Ein gesegnetes Jahr 2021 wünsche ich Ihnen!

Christian Stäblein ist Bischof der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-­schlesische Oberlausitz.

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1. Wissen, wo sie herkommen Wolfgang Banse Jüdische Religionslegerinnen und Religionslehrer sollten verstärkt an staatlichen, wie an privaten Schulen eingesetzt werden.
2. Wer zuerst Wolfgang Banse Zuerst sollten alle als gefährdete Personen, hier Kranke, Menschen mit einem Handicap, Ältere geimpft werden. Pfarrerinnen und Pfarrer sollten Interims sein, eine, einer unter gleichen-deshalb keine vorrangige Impfung dieser Berufssparte
3. Pfarrerberuf kommt nicht in Frage Wolfgang Banse Warum ergreift man den Beruf einer Pfarrerin, eines Pfarrers?!Häufig spricht man , dass man sich von Gott berufen fühlt zu diesem Beruf. Nur jede, jeder wei0, dass man dies nicht beweisen kann. Oft fühlt man sich selbst berufen, aber auf Gott zu verweisen ist sehr bedenklich.

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