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Eine Schatzkiste für die Zeit nach dem Tod

12.11.2020

Früh verwaiste Kinder fragen sich oft, was Mama und Papa wohl erlebt oder gedacht haben. Ein bislang einzigartiges Projekt ermöglicht es schwer kranken Eltern, Hörbücher für ihre jungen Kinder aufzunehmen

Von Claudia Rometsch (epd)

„Das sind Verdauungsbeschwerden“, dachte sich Michael Zimmermann, als er während seiner Elternzeit immer wieder mal Bauchschmerzen hatte. Doch zwei Tage nach seiner Rückkehr an den Arbeitsplatz erhielt der Krankenpfleger die niederschmetternde Diagnose: Bauchspeicheldrüsenkrebs. Wie lange er noch zu leben hat, weiß der 43-Jährige nicht genau. „Aber aus medizinischer Sicht ist es unwahrscheinlich, dass ich meinen Sohn noch aufwachsen sehe“, weiß Zimmermann, der eigentlich anders heißt. Es schmerzt ihn, dass sein anderthalbjähriger Sohn ihn mög­licherweise nie wirklich kennenlernen wird. Zimmermann fragte sich, was er tun könnte, um dem Jungen etwas von sich zu hinterlassen. 

Die Lösung war die Aufnahme eines Hörbuchs. Mittlerweile hält Zimmermann seine Audiobiografie in den Händen, in der er über sein Leben und seine Überzeugungen spricht. Durch die Erzählungen und Botschaften wird ein Stück von ihm über seinen Tod hinaus für den Sohn erhalten bleiben. „Das tröstet mich, weil ich weiß, dass es Phasen geben wird, in denen mein Sohn seinen Vater suchen wird. Und dann hat er etwas, was er anhören kann“, sagt Zimmermann. 

Entstanden ist Zimmermanns Audiobiografie im Rahmen eines bislang einzigartigen Projekts der Kölner Journalistin Judith Grümmer und der Klinik für Palliativmedizin der Universität Bonn. Die Initiative zu dem Projekt kam von Grümmer, nachdem sie bereits seit 2004 Erfahrungen mit der Produktion von Familienhörbüchern gesammelt hatte. Irgendwann kam der Medizinjournalistin der Gedanke, dass es für jüngere, sterbenskranke Eltern wichtig sein könnte, Erlebnisse und Botschaften an ihre Kinder weiterzugeben. 

Bei dem Palliativmediziner Lukas Radbruch von der Bonner Uni-Klinik lief Grümmer offene Türen ein. Der Präsident der Deutschen Gesellschaft für Palliativmedizin sagte ihr wissenschaftliche Unterstützung zu. Die Finanzierung sicherte die Rhein-Energie-Stiftung für die Dauer von drei Jahren. Das Projekt, das sich auf Patient*innen aus Nordrhein-Westfalen beschränkt, könnte bald in anderen Bundesländern Schule machen. Derzeit bildet Grümmer 16 Audiobiograf*innen aus verschiedenen Bundesländern sowie aus Österreich und der Schweiz aus.

25 Audiobücher entstanden bislang in dem Projekt. Die Herstellung ist zeitaufwendig. Drei Tage lang arbeitet die Journalistin zusammen mit jedem Patienten und jeder Patientin an seinem Hörbuch - soweit das der Gesundheitszustand erlaubt. Anschließend schneidet sie die Aufnahmen, strukturiert sie und arbeitet zum Beispiel auch Lieblingsmusik des Patienten ein. 

„Wir beobachten, dass den Patient*innen die Arbeit an ihrer Biografie sehr gut tut“, sagt die Psychoonkologin Michaela Hesse, die das Projekt an der Bonner Uni-Klinik begleitet. „Viele sagen, dass es ihnen ein Stück weit die Angst genommen hat.“ Durch die Erinnerungsarbeit bekämen die Menschen häufig auch eine neue Perspektive auf ihr Leben. „Oft sagen die Patient*innen, dass sie dadurch noch einmal gesehen haben, wie reich ihr Leben war.“ Auch für die Familien sei die biografische Arbeit oft eine Hilfe. „Sie fangen an, Fotoalben rauszusuchen oder sich mit Musik zu beschäftigen, die sie gemeinsam gehört haben.“

Bei Michael Zimmermann hat die Arbeit an seiner Audiobiografie lang vergessene Erlebnisse zutage befördert. „Es waren schöne Erinnerungen. Es hat mir aber auch gezeigt, was noch geklärt werden müsste.“ Die drei Aufnahmetage seien schneller vorbei gewesen als gedacht. Und es sei dabei nicht nur traurig zugegangen. „Wir haben auch viel gelacht.“

Zimmermann ist dankbar, dass er seinem Sohn auf diese Weise etwas über seine Werte mitteilen und ihm klarmachen kann, wie viel er ihm bedeutet. „Ich kann ihn nicht auf meinen Tod vorbereiten, aber ich kann ihn auf sein Leben vorbereiten.“ Und vielleicht würden sogar noch seine Enkel von dem Hörbuch profitieren. „Es ist eine Schatzkiste für die Ewigkeit über Generationen hinweg.“

Mehr Informationen zu demProjekt im Internet: 

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1. Tierwohl in der Kirche Thomas Berg Meine Hühner schlachte ich selbst, auch wenn sie nicht auf das Wurstbrot kommen. Das ist der schmerzliche unvermeidliche Schritt auf dem Weg vom Kücken zum Braten. Meine Hühner werden natürlich auch nicht schon nach vier bis sechs Wochen geschlachtet wie das inzwischen leider normale Industriehuhn.

Trotzdem: Ganz rund ist die Argumentation wohl nicht, die hier die vegetarische Ernährung aus der Bibel begründen will. Schon im 3. Kapitel der Bibel - noch im Garten Eden - bekommen Adam und Eva von Gott selbst Röcke aus Fellen geschneidert. Wenige Verse später lesen wir, daß ihr zweitgeborener Sohn Abel Schäfer wurde. Ganz sicher hat er Schafe auch zum Schlachten gehalten. Er opfert jedenfalls vom Fett der Erstlinge der Herde auf dem Altar, was Gott wohlgefällig anschaut.

Ganz nebenbei und völlig unbiblisch brauchen wir mehr Tiere auf der Weide der Artenvielfalt wegen. Ohne Weidetiere verarmt die biologische Ausstattung unserer Landschaft was man in unseren Breiten heute schon beobachten kann. Insekten fehlen, die der Tierhaltung folgen. Daher fehlen die Insektenfressenden Vögel, Fledermäuse usw. Genau deswegen hält der Naturschutzverein dem ich vorstehe auch mehrere Rinder- bzw. Wasserbüffelherden (derzeit ca. 360 Tiere).

Was weniger werden muß ist die Massentierhaltung in optimierten HiTec-Ställen, die klimaschädlich ist, die Tiere zur Ware degradiert und in den Schlachtfabriken und dem Transport dahin das oft beklagte Tierleid zur Folge hat.

Unsere Tiere werden jedenfalls zur Schlachtung auf der Weidefläche geschossen und erst dann zum Fleischer gefahren.

Ethische Entscheidungen kennen eben nicht nur das Entweder-Oder sondern auch manche Möglichkeit dazwischen.
2. Proberaumsuche Chrissi Suche Proberaum, um christlichen worship zu machen. Spiele seit 11 Jahren Schlagzeug und möchte gerne weitermachen. Gibt es Hilfe und Unterstützung von ihrer Seite aus? Über Ratschläge und gute Nachrichten, würde ich mich freuen! Lg, Chrissi
3. Idenschmiede der Nordkirche Wolfgang Banse Nicht alles was man auf gibt, ist gut so heißen. Glieder der Kirche, hier Nordkirche wurden in den Entscheidungsprozess nicht einbezogen.Demokratie, hier Basiskirche lässt nach wie vor zu wünschen in den Gliedkirchen der EKD.

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