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Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist

16.09.2020

Über eine Woche nach dem Brand im Flüchtlingscamp Moria auf der griechischen Insel Lesbos ­campieren immer noch mehr als 12 000 obdachlose Menschen, darunter 4000 Kinder, auf ­einer Straße oder im Wald. Und das trotz großer ­Bereitschaft deutscher Städte, die Flüchtlinge aufzunehmen. ­Flüchtlingsinitiativen, Kirche und Diakonie ­kritisieren das. Wie ist die Situation vor Ort?

Von Ute Gniewoß und Konrad Wolf

Die Brände im Flüchtlingscamp ­Moria waren keine Überraschung. Was passiert wohl, wenn 13000  Menschen unter unwürdigen ­Bedingungen auf engstem Raum zusammenleben müssen, mit Ausgangssperre und in dem Wissen, dass nicht entdeckte Corona­Infizierte unter ihnen sind? 

Gewalt passiert – in vielen Formen und nun eben ein Brand. Fast das ganze Lager wurde durch mehrere aufeinander folgende Brände bis zum Abend des 9. Septembers vernichtet – ein Wunder, dass niemand zu Tode gekommen ist. Sechs Tage haben die Opfer draußen auf einer Straße verbracht, der sengenden Hitze genauso ausgesetzt wie Fäkaliengestank – umzingelt von ­Polizei und Militär. Wer ist schuld daran? Die einen sagen, es sei die Europäische Union, die anderen ­sagen, es seien die griechische, ­die türkische und die deutsche Regierung.

Uns klingt das zu abstrakt, denn wir bleiben außen vor. Wir bleiben die Guten. Schuld daran ist die jetzt handlungsfähige Generation aller europäischen Länder. Wir gehören dazu und Sie vielleicht auch. Für viele von uns ist unser Sicherheitsstreben wichtiger als unser Gottvertrauen oder unsere Hoffnung auf eine gerechte Zukunft. 

Unsere Schuld besteht darin, dass wir unsere Privilegien eben doch behalten und nicht mit ­Geflüchteten aus Afghanistan oder Somalia teilen wollen, obwohl auch sie Ebenbilder Gottes sind. Nichts anderes spiegelt sich in der europäischen Flüchtlingspolitik. Wir ­haben im Fall von Moria seit vielen Monaten gewusst, was dort geschieht, noch passieren kann und vieles von dem, was wir dagegen tun können. Und wir haben es nicht ausreichend getan.

Was bewegt die Eingeschlossenen? Die einen rufen laut „Freedom“ und demonstrieren, andere wissen nicht, wie sie ihr Baby waschen und an eine Windel kommen können. Es gab und gibt Widerständige in der Bevölkerung des Lagers Moria. Sie kämpfen auch jetzt um Menschenrechte und um ihr Leben. Alle aber werden retraumatisiert und erleben sich wieder in Gefahr und ohne Perspektive.

Der Teil der lokalen Bevölkerung, der verroht und sich mit menschenfeindlichen Taten und Worten hervortut, wird größer –wie in Deutschland. Auf den ­solidarischen Teil der lokalen und internationalen Bevölkerung der Insel ist weiterhin Verlass – auch wie in Deutschland. Schnell koordinieren sie sich und schaffen ­Lebensnotwendiges erst auf verschlungenen Wegen, dann über vom Militär zugelassene Nicht­regierungsorganisationen zu den Eingeschlossenen. 

In dem kleinen Flüchtlingscamp Pikpa, unweit von Moria, in dem wir zurzeit arbeiten, haben viele der 98 Bewohner*innen dieses Camps sofort begonnen, Brot zu backen, als sie hörten, was in Moria geschehen ist. Am Montag bereiteten sie 680 Mahlzeiten zu, die Freiwillige von Spendengeldern eingekauft haben. Bewohner*innen hier in unserem Lager,  die Kontakt zu Familien aus Moria haben, bekamen Nachrichten aufs Handy von Bekannten, die schon zwei Tage nichts gegessen haben. 300 Beutel mit Kleidung wurden gepackt und Hilfsorganisationen übergeben, die sie den Obdachlosen bringen. Freiwillige verteilen unermüdlich Material an die Bedürftigen aus Moria. 

Es herrscht Chaos. Die Situation hier ist nicht unter Kontrolle, jedenfalls nicht unter der Kontrolle der Menschenrechte, wie an vielen Orten, in denen ­Geflüchtete in Lagern gehalten werden. Sie ist auch nicht wirklich unter der Kontrolle des ­Militärs, das die Aufgabe des Wiederansiedlung ohne Hilfe der Zivilgesellschaft gar nicht bewältigen könnte. Bisher ist geplant, das Lager in Moria wieder aufzubauen. Weitere Gewalttaten sind absehbar. 

Pfarrerin Ute Gniewoß und Konrad Wolf aus der Kirchengemeinde Heilig Kreuz-Passion in Berlin-Kreuzberg ­arbeiten zurzeit in dem kleinen von der griechischen Zivilgesellschaft und internationalen Freiwilligen organisierten Camp „Pikpa“ auf der Insel Lesbos. Dort werden besonders ­verletzbare Menschen begleitet. 

Wer das Camp Pikpa und seine Arbeit auf der Insel unterstützen möchte, kann hier spenden:

Evangelische Kirchengemeinde Heilig Kreuz-Passion, Evangelische Bank eG, 
IBAN: DE37 5206 0410 0203 9955 77, ­Verwendungszweck: Lesbos

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Artikelkommentare

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1. Mehr als Martin Luther King Flx Sehr geehrte Frau Schöfer,
vielen Dank für den spannenden und wichtigen Artikel, gut zu wissen was Paula Novak da macht. An einer Stelle möchte ich einhaken: Ich finde es wichtig von der "Schwarzen Theologie der Befreiung" die J.Cone begründet hat zu sprechen, das verschweigt a) nicht, dass er sich selbst in einer Tradition der Theologie der Befreiungen sieht und b) zeigt auf dass es sich um eine emanzipatorische\machtkritische (Ogette) handelt und nicht um eine rein identitäre Theologie.
Viele Grüße
2. Sie bleiben zuversichtlich Wolfgang Banse Pfarrerin, Pfarrer werden ist nicht schwer, nur die Ausübung fällt ihnen oftmals schwer.Nicht zeitgemäß,verwalten, Termin nach Abspache,Trauerbegleitung, niemand sollte verloren gehen, dies alles ist erleb-und erfahrbar und wird erleb und erfahrbar sein was die frisch Ordinierten Pfarrerinnen und Pfarrer betrifft. Ein Ruck muss durch die Pfarrerschaft gehen um akzeptiert in der multikulturellen Gesellschaft weiterhin einen Platz ein zu nehmen. Es gibt nicht nur eine Politik, Gewerkschafts, sondern auch eine Kirchenverdrossenheit.Die Kirche muss sich grundlegend ändern und damit auch die Pfarrerinnen und Pfarrer
3. Wichtiger Baustein Wolfgang Banse Die Kirche hinkt immer hinterher, so auch was Klimaschutzgesetz betrifft. Ob sich dies mal ändern wird?!

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