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Frieden und Offenheit betonen

04.03.2020

Die Evangelische Kirche in Deutschland lud alle Kirchengemeinden und andere Konfessionen ein, am zweiten Sonntag der Passionszeit (Reminiszere, 8. März) für bedrängte und verfolgte Christen zu beten. Im Fokus der Fürbitte stand in diesem Jahr die Situation der Menschen in Syrien. Seit mehr als acht Jahren leidet die Bevölkerung unter blutigen Konflikten. Wie ist die Situation dort, insbesondere die der Christen? Was erwarten die Menschen von den Kirchen in der Welt? Gibt es eine Chance auf Frieden?

Von Nabil Maamarbashi

Der Krieg in Syrien ist kompliziert und hat viele Fronten und verschiedene Akteure, sowohl international, regional als auch im Land. Aber klar ist, dass Tod und Elend zunehmen, die Menschen verzweifeln, denn es ist, als hätte dieser dunkle Tunnel kein Ende. Sie wissen nicht, wie lange diese Konflikte noch dauern werden. Offenbar ist Syrien zerrissen, nicht nur auf politischer und administrativer Ebene, sondern auch auf sozialer und kommunaler Ebene, und höchstwahrscheinlich wird der Riss noch weiter vertieft werden. 

Die syrischen Christen, die als Ureinwohner des Landes die arabisch-islamische Kultur über Jahrhunderte hinweg vollständig übernommen haben, erleben diese Konflikte aufgrund des Krieges wie alle anderen Teile der verschiedenen syrischen Gemeinschaften. Sie sind zutiefst davon betroffen. Zerstörung und Armut haben die Mehrheit von ihnen gezwungen auszuwandern. Und die meisten der übrigen, die im Kontrollbereich des Regimes von Baschar al-Assad leben, würden gerne auswandern, wenn sie die Chance dazu hätten. 

Obwohl der Krieg derzeit auf die nordwestliche Region Syriens, den Distrikt Idlib, beschränkt ist, gelten noch immer die internationalen, strengen Sanktionen gegen Syrien, und es gibt weder Frieden noch Versöhnung untereinander unter den Syrern. Das bedeutet, dass die syrische Wirtschaft sowohl aufgrund der großen Zahl an Todesopfern und als auch der Flüchtenden unter einer Hyperinflation leidet, sich das Bildungswesen aufgrund der Massenvertreibungen massiv verschlechterte, die Korruption wuchs und vor allem der religiöse Fanatismus in der Gesellschaft am stärksten zunahm. 

Obwohl die Situation tragisch ist, verzweifeln die Kirchen nicht. Die Menschen sind wütend, ängstlich und besorgt wegen der Wellen des Todes und dem unklaren Schicksal, aber sie sind noch nicht in den Abgrund gestürzt. Die Erfahrungen der Kriege im Nahen Osten in den letzten Jahrzehnten zeigen, dass diese keinen Frieden brachten und auch nicht die Ziele erreichten, für die sie geführt ­wurden. Stattdessen resultierten daraus mehr Probleme und Zerstörungen sowie eine Vielzahl an Blutzeugen. Dennoch können die Menschen in ­Syrien und damit die Christen ein friedliches Leben führen, wenn der Krieg aufhört. 

Die Christen waren und sind ein wichtiger Faktor, um das Leidens und die Not der Menschen zu ­verringern, wenn auch ein relativ kleiner. Sie geben von dem ab, was sie erhalten, nämlich von den NGOs und internationalen Kirchengemeinschaften. Dabei spielt es keine Rolle, auf welche Seite sich eine ­syrische Kirche stellt, um ihre „existenzielle“ Krise dadurch zu lösen, dass sie entweder hinter der syrischen Regierung, dem Vatikan oder der russischen Kirche steht.   

Wie kann man dazu beitragen, das Leiden der syrischen Gemeinschaften, insbesondere der christlichen Gemeinschaften im Land, zu verringern? Ist ein solches Ziel erreichbar? In Syrien könnte die Hilfe über offiziell bestehende Institutionen oder Kanäle, zum Beispiel die örtlichen Kirchen, erfolgen. Mit anderen Worten: Hilfe kann nicht unabhängig von der lokalen Bevölkerung geleistet werden. Dies würde zweifellos die Möglichkeiten für Hilfe ingesamt einschränken, da die Kirchen im Vergleich zu der Notwendigkeit, der größeren Gemeinschaft Hilfe zu leisten, klein sind und solche Einrichtungen in einem kritischen Bezirk wie Idlib auch fehlen. 

Ich glaube, die dringendste Unterstützung muss sich auf Bildung, Schulen und Lernprogramme konzentrieren, die den Frieden und die Offenheit gegenüber anderen Menschen betonen. Vor allem aber sollten die Christen ermutigt werden, vorwärts zu gehen und auf bürgerliche Staats- und Menschenrechte zu bestehen. Das ist natürlich nicht einfach, und die Kirchenführer sind aufgefordert, sich selbst und ihre Rolle in der Politik des Landes nicht wichtiger zu nehmen, als sie tatsächlich ist. Und doch ist es notwendig, über das Geschehene und die Gründe dafür nachzudenken; Verantwortung zu übernehmen und Solidarität mit den Opfern von allen Seiten zu empfinden. Mit ­denen, deren Zukunft durch Krieg, Not, Gewalt und Diebstahl zerstört wurde. 

Um die syrischen Gemeinschaften unterstützen zu können, ist es daher notwendig, die Umstände dieser Tragödie zu verstehen und ans Licht zu bringen; was passiert ist und warum es passiert ist. Denn Schweigen, Passivität und Gleichgültigkeit sind die wahren Feinde unserer christlichen Aufgabe. Aber der Klang der Artillerie ist lauter als menschliche Stimmen. Deshalb sollten die Kirchen stets Einfühlungsvermögen und Respekt zeigen, um die Grundlagen eines friedlichen Lebens zu bewahren. 

Christen auf der ganzen Welt sind eingeladen, nicht nur helfende Hände auszustrecken, sondern auch das Wort der Wahrheit zu sprechen, das allein Syrien retten kann.

Nabil Maarmarbashi ist evangelischer Theologe, stammt aus Aleppo und war bis vor einem Jahr Pfarrer der National Evangelical Church in Beirut. Seit einem Jahr lebt er mit seiner Familie in Deutschland in Horb am Neckar.

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1. Theologie in Zeiten von Corona Andrea Richter Theologie in Zeiten von Corona
Auf meinem Schreibtisch liegt eine Postkarte, die ich vor zwei Jahren während eines wundervollen Urlaubes in der in Arles, in der Fondation Vincent van Gogh, gekauft habe: ein Totenschädel.
Memento Mori, bedenke, Mensch, dass du sterben musst!
Das macht mir keine Angst, und es hat für mich nichts, aber auch gar nichts mit einem strafenden Gott zu tun.
Das Bild erinnert mich an Adam, den ersten Menschen, dem Gott (nach Genesis 2, 7) den Odem des Lebens in seine Nase blies, so dass der Adam (Mensch) von der Adama (der Erde) zu einem lebendigen Wesen wurde.
Der Mensch, der Atem, das Leben – die Lebensantwort auf den Ruf: bebauen und bewahren!
Das Virus, der Kampf um das Atmen-Können und die Bedrohung durch den Tod.
Corona – ist auch ein memento mori!
Unsere christliche Tradition gründet darauf:
Jesu Leben – Jesu Sterben am Karfreitag – in Gott hinein – Auferstehehung– ewiges Leben – ewiger Lebensodem!
Die Chance: Aufatmen (hier & jetzt) wieder Atmen lernen, uns (vor allem auch als Kirche) nicht mehr verausgaben.
Ja, aufstehen gegen Tod und Lebensfeindlichkeit – aber zugleich auch Umkehren – uns wieder bewusstwerden, was vor allem die Abendlieder unseres Gesangbuches uns lehren:
„Ein Tag, der sagt dem andern, mein Leben sei ein Wandern zur großen Ewigkeit. O Ewigkeit, so schöne, mein Herz an dich gewöhne, mein Heim ist nicht in dieser Zeit“ (EG 481, 5 Text: Gerhard Tersteegen, 1745)
Wir dürfen als Kirche (wieder) lernen, Menschen in Angewiesenheit, Hilflosigkeit und Abhängigkeit zu werden – und Gott in allem zu suchen und zu finden; wir dürfen lernen, uns nicht zu scheuen, von Gott zu reden, der alles in allen ist:
„Das eine ist mir so klar und spürbar wie selten:
Die Welt ist Gottes so voll.
Aus allen Poren der Dinge quillt er gleichsam uns entgegen.
Wir aber sind oft blind.
Wir bleiben in den schönen und bösen Stunden hängen
Und erleben sie nicht durch bis an den Brunnenpunkt,
an dem sie aus Gott herausströmen.
Das gilt für das Schöne und auch für das Elend.
In allem will Gott Begegnung feiern
Und fragt und will die anbetende, hingebende Antwort.
Die Kunst und der Auftrag ist nur dieser,
aus diesen Einsichten und Gnaden
dauerndes Bewusstsein und dauernde Haltung
zu machen und werden zu lassen.
Dann wird das Leben frei in der Freiheit
Die wir immer gesuchte haben.“

(am 17. November 1944 auf einen Kassiber von Alfred Delp mit gefesselten Händen geschrieben aus seiner Zelle im Gefängnis
2. Vor allem Umkehren und Lernen: aushalten und beistehen Michael Juschka Der Dialog ist anregend und ich danke den unsere Kirche Leitenden für ihre erfrischende Offenheit. Möglicherweise könnten auch ausgetauschte E-Mails noch einmal überarbeitet werden, damit die Gedanken stärker konturiert werden. Das Glaubensbekenntnis beginnt mit dem Glauben an Gott als Schöpfer. Deshalb wird es nicht leicht sein, Gottes Wirken nicht auch in Gefährdungen zu sehen, die sich aus dieser so vorfindlichen Schöpfung ergeben. Eine Botschaft, die ich auch aus dem Mund von Wissenschaftler*innen höre, steckt in der Frage, ob wir nicht Abstand davon nehmen müssen, Tiere in uns aufzunehmen. Mir fallen nur die Schlagworte wie Rinderwahnsinn, Schweine- oder Vogelgrippe ein. Was ist eigentlich mit den Wildschweinen los? Wir können auf keinen Fall gegen die Schöpfung selbst unser Leben entfalten und bewahren. Es geht um ein bauen und bewahren dessen, was vorgegeben ist.
3. GOTT braucht keine Kranken, um uns zu unterrichten Georg Wagener-Lohse Liebe Christina, Lieber Christian, zuerst dachte ich „typisch evangelisch und typisch akademisch – so viele Worte“. Und etwas Abgrenzendes sprang mich an. Ob es mit mir selbst zu tun hatte, mit meiner Sehnsucht nach einer empathischen aber auch deutenden Kirche?
Dann habe ich mir später noch einmal Zeit genommen und versucht, hörend zu lesen. Ja, zur Ruhe möchte ich auch gerne kommen, Trost finden, neben dem vielen Aufgeregten und Erschreckenden. Ja, und nach einem Sinn darin taste ich auch.
Da fiel mir dann auf, dass wir ganz nahe bei einander sind mit dem Gott, der Atem ist, der da ist. Und da tauchte sogar das Bild auf, das er uns geschenkt hat und was ich auch im Text gesucht hatte: der Gott mit uns, Immanuel, der den wir als den Christus bekennen.
Und dann bin ich dankbar für die Frage am Ende „Wie bringen wir das in Worte zur richtigen Zeit?“ - eine Haltung, die warten kann, dass der Atem kommt, der unsere Stimmen zum Schwingen bringt und unsere Füße in Bewegung setzt.
Abgesehen von den gestrigen, die den rächenden Lehrmeister wieder beschwören wollen, möchte ich aber auch noch um unsere Solidarität mit denen bitten, die unsere gesellschaftliche Krise vor und nach „Corona“ sehen. Sie reiben sich die Augen, was wir alle plötzlich zustande bringen an Konsequenz. Ich finde hilfreich, was Matthias Horx als Re-gnose beschrieben hat, und ich finde auch eher diejenigen autoritär, die uns bei einem mit der Schöpfung unverträglichen Lebensstil halten wollen. Ich wünsche mir so sehr, dass auch unsere Kirche auf dem Weg aus dieser Gefangenschaft dabei sein wird.
Herzlich, Georg

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