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In der Freiheit bestehen

25.03.2020

Ist die Freiheit auf dem Rückzug? Was passiert gerade aufgrund von Sicherheitsvorkehrungen in unserer Gesellschaft – und wo haben diese starken Einschränkungen aufgrund der Bedrohung durch das Corona-Virus seine Grenzen – auch im Blick auf unsere seelsorgerlichen Aufgaben?

Von Wolfgang Huber

In der Freiheit bestehen! Diese Aufforderung begleitet mich seit meiner Jugend. Im Jahr 1965 bildete dieser Satz die Losung des Deutschen Evangelischen Kirchentags in Köln. Von einer Freiheit ist die Rede, die nicht einfach eigenes ­Verdienst, sondern Geschenk ist. Die Rede ist von der Freiheit, die Christus uns schenkt, damit wir sie bewahren. Es geht um die verdankte Freiheit, mit der verantwortlich umzugehen unsere Aufgabe ist. 

Die Corona-Krise ist ein Ernstfall der Freiheit. Er tritt immer dann ein, wenn die eigene Freiheit mit der Freiheit anderer zusammenstößt. Am radikalsten geschieht das, wenn wir einander schon ­dadurch gefährlich werden, dass wir uns bewegen oder gemeinsam etwas unternehmen. Das Virus, das uns in diesen Wochen alle in Atem hält, ist unsichtbar. Aber nahe kommt es dann, wenn Menschen einander nahe kommen. 

Die Mehrheit hat diese Botschaft begriffen. 95 Prozent der deutschen Bevölkerung, so stellte das Meinungsforschungsinstitut ­Infratest dimap am Anfang dieser Woche fest, stimmt den Kontaktsperren und Ausgangsbeschränkungen zu. Dies im Alltag durch­zuhalten, verlangt Selbstdisziplin. In kritischen Situationen ist sie ­unerlässlich, um die Freiheit zu ­bewahren. 

Die politischen Maßnahmen zur Eindämmung drohender Erkrankungen werden weithin bejaht. Doch zugleich breiten sich Egoismus und Unvernunft aus. Der evangelische Friedhofsverband Berlin Stadtmitte schloss am vergangenen Montag seine 46 Friedhöfe, weil es in einer Reihe dieser Friedhöfe zu „unzulässigen Zusammenkünften“, wohl auch zu „Corona-Partys“ gekommen war. Die Orte der Totenruhe wurden als Bolzplätze missbraucht. Alles Weitere kann man sich leicht ausmalen. Ein solcher Missbrauch der Freiheit führt zu Verboten, also zur Einschränkung der Freiheit. Ließe man Verstand, Selbstdisziplin und Respekt walten, wären solche Verbote nicht nötig. 

Stehen als nächstes Einkaufs­beschränkungen an? Muss in den Supermärkten Wachpersonal aufgestellt werden, um aberwitzige Hamsterkäufe zu verhindern? Weltweit macht man sich über die Deutschen schon lustig, die, wenn es ernst wird, als erstes Toilettenpapier horten. Es geht auch vernünftiger: Eine Brauerei stellt ihre Produktion von Bier auf  Desinfektionsmittel um. 

Im christlichen Verständnis ­gehört die eigene Freiheit mit der Freiheit des Mitmenschen zusammen. Die Liebe zu sich selbst hat an der Liebe zum anderen Maß und Grenze. Wie wir mit unseren Mitmenschen umgehen, ist in dieser großen Bewährungsprobe entscheidend. Angst ist dabei ein schlechter Ratgeber; denn sie verführt zum Kreisen um uns selbst. Der „Geist der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit“ ist nun gefragt. 

Es gibt unterschiedliche Wege, mit anderen in Kontakt zu bleiben: Telefonate, E-Mails, soziale Netzwerke, Briefe. Doch auch diejenigen müssen wir im Blick behalten, ­denen solche Möglichkeiten nicht zur Verfügung stehen. Manchmal hilft auch heute nur das direkte ­Gespräch, der Blick in die Augen, wenn möglich ein Gebet. 

Für die Werke der Barmherzigkeit muss Raum sein. Zu ihnen ­gehört der Besuch von Kranken, die Begleitung von Sterbenden, die ­Bestattung der Toten. Wenn den engsten Angehörigen der Besuch von Kranken und Sterbenden verweigert wird, wenn Seelsorgerinnen und Seelsorger ihrer Aufgabe nicht mehr nachkommen dürfen, ist eine Grenze überschritten. 

Einschränkungen sind unvermeidlich; Sicherheitsvorkehrungen sind verpflichtend. Aber zu einer Kontaktsperre für Alte und Sterbenskranke darf es nicht kommen. Auch hier gilt: In der Freiheit be­stehen!

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1. Theologie in Zeiten von Corona Andrea Richter Theologie in Zeiten von Corona
Auf meinem Schreibtisch liegt eine Postkarte, die ich vor zwei Jahren während eines wundervollen Urlaubes in der in Arles, in der Fondation Vincent van Gogh, gekauft habe: ein Totenschädel.
Memento Mori, bedenke, Mensch, dass du sterben musst!
Das macht mir keine Angst, und es hat für mich nichts, aber auch gar nichts mit einem strafenden Gott zu tun.
Das Bild erinnert mich an Adam, den ersten Menschen, dem Gott (nach Genesis 2, 7) den Odem des Lebens in seine Nase blies, so dass der Adam (Mensch) von der Adama (der Erde) zu einem lebendigen Wesen wurde.
Der Mensch, der Atem, das Leben – die Lebensantwort auf den Ruf: bebauen und bewahren!
Das Virus, der Kampf um das Atmen-Können und die Bedrohung durch den Tod.
Corona – ist auch ein memento mori!
Unsere christliche Tradition gründet darauf:
Jesu Leben – Jesu Sterben am Karfreitag – in Gott hinein – Auferstehehung– ewiges Leben – ewiger Lebensodem!
Die Chance: Aufatmen (hier & jetzt) wieder Atmen lernen, uns (vor allem auch als Kirche) nicht mehr verausgaben.
Ja, aufstehen gegen Tod und Lebensfeindlichkeit – aber zugleich auch Umkehren – uns wieder bewusstwerden, was vor allem die Abendlieder unseres Gesangbuches uns lehren:
„Ein Tag, der sagt dem andern, mein Leben sei ein Wandern zur großen Ewigkeit. O Ewigkeit, so schöne, mein Herz an dich gewöhne, mein Heim ist nicht in dieser Zeit“ (EG 481, 5 Text: Gerhard Tersteegen, 1745)
Wir dürfen als Kirche (wieder) lernen, Menschen in Angewiesenheit, Hilflosigkeit und Abhängigkeit zu werden – und Gott in allem zu suchen und zu finden; wir dürfen lernen, uns nicht zu scheuen, von Gott zu reden, der alles in allen ist:
„Das eine ist mir so klar und spürbar wie selten:
Die Welt ist Gottes so voll.
Aus allen Poren der Dinge quillt er gleichsam uns entgegen.
Wir aber sind oft blind.
Wir bleiben in den schönen und bösen Stunden hängen
Und erleben sie nicht durch bis an den Brunnenpunkt,
an dem sie aus Gott herausströmen.
Das gilt für das Schöne und auch für das Elend.
In allem will Gott Begegnung feiern
Und fragt und will die anbetende, hingebende Antwort.
Die Kunst und der Auftrag ist nur dieser,
aus diesen Einsichten und Gnaden
dauerndes Bewusstsein und dauernde Haltung
zu machen und werden zu lassen.
Dann wird das Leben frei in der Freiheit
Die wir immer gesuchte haben.“

(am 17. November 1944 auf einen Kassiber von Alfred Delp mit gefesselten Händen geschrieben aus seiner Zelle im Gefängnis
2. Vor allem Umkehren und Lernen: aushalten und beistehen Michael Juschka Der Dialog ist anregend und ich danke den unsere Kirche Leitenden für ihre erfrischende Offenheit. Möglicherweise könnten auch ausgetauschte E-Mails noch einmal überarbeitet werden, damit die Gedanken stärker konturiert werden. Das Glaubensbekenntnis beginnt mit dem Glauben an Gott als Schöpfer. Deshalb wird es nicht leicht sein, Gottes Wirken nicht auch in Gefährdungen zu sehen, die sich aus dieser so vorfindlichen Schöpfung ergeben. Eine Botschaft, die ich auch aus dem Mund von Wissenschaftler*innen höre, steckt in der Frage, ob wir nicht Abstand davon nehmen müssen, Tiere in uns aufzunehmen. Mir fallen nur die Schlagworte wie Rinderwahnsinn, Schweine- oder Vogelgrippe ein. Was ist eigentlich mit den Wildschweinen los? Wir können auf keinen Fall gegen die Schöpfung selbst unser Leben entfalten und bewahren. Es geht um ein bauen und bewahren dessen, was vorgegeben ist.
3. GOTT braucht keine Kranken, um uns zu unterrichten Georg Wagener-Lohse Liebe Christina, Lieber Christian, zuerst dachte ich „typisch evangelisch und typisch akademisch – so viele Worte“. Und etwas Abgrenzendes sprang mich an. Ob es mit mir selbst zu tun hatte, mit meiner Sehnsucht nach einer empathischen aber auch deutenden Kirche?
Dann habe ich mir später noch einmal Zeit genommen und versucht, hörend zu lesen. Ja, zur Ruhe möchte ich auch gerne kommen, Trost finden, neben dem vielen Aufgeregten und Erschreckenden. Ja, und nach einem Sinn darin taste ich auch.
Da fiel mir dann auf, dass wir ganz nahe bei einander sind mit dem Gott, der Atem ist, der da ist. Und da tauchte sogar das Bild auf, das er uns geschenkt hat und was ich auch im Text gesucht hatte: der Gott mit uns, Immanuel, der den wir als den Christus bekennen.
Und dann bin ich dankbar für die Frage am Ende „Wie bringen wir das in Worte zur richtigen Zeit?“ - eine Haltung, die warten kann, dass der Atem kommt, der unsere Stimmen zum Schwingen bringt und unsere Füße in Bewegung setzt.
Abgesehen von den gestrigen, die den rächenden Lehrmeister wieder beschwören wollen, möchte ich aber auch noch um unsere Solidarität mit denen bitten, die unsere gesellschaftliche Krise vor und nach „Corona“ sehen. Sie reiben sich die Augen, was wir alle plötzlich zustande bringen an Konsequenz. Ich finde hilfreich, was Matthias Horx als Re-gnose beschrieben hat, und ich finde auch eher diejenigen autoritär, die uns bei einem mit der Schöpfung unverträglichen Lebensstil halten wollen. Ich wünsche mir so sehr, dass auch unsere Kirche auf dem Weg aus dieser Gefangenschaft dabei sein wird.
Herzlich, Georg

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