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RSSPrint

Post aus dem Sprengelkiez

01.05.2020

Von Sibylle Sterzik

Sonntag für Sonntag sitzt die Lehrerin im Ruhestand pünktlich zu Gottesdienstbeginn auf ihrem Stammplatzstuhl. Letzte Reihe links. Epistelseite. Fehlt sie, ist was. Aber das kommt so gut wie nie vor. Hat sie Kirchdienst, begrüßt sie Gottesdienstbesucher, mal einen kessen Spruch auf den Lippen, mal etwas zum Trösten. Nimmt sofort auf, wie es jemandem geht. Und drückt allen das Gesangbuch in die Hand. 

Der Seniorinnenkreis ist ihr Herzenssache. Ihr Telefon steht deshalb nicht still in Corona-Zeiten, in denen sich der Kreis nicht treffen kann. 

Sie ruft an, wen sie an den Hörer ­bekommt, vor allem die, die weder Smartphone noch E-Mail haben. Hört zu, tröstet, heitert auf mit einem Witz. „Wilde Hummel“ soll sie schon früher genannt worden sein. 

Zum Frauenkreis kommt sie, im normalen Leben, auch wenn das einmal im Monat ihren schön geord­neten Tageslauf aufwirbelt. Struktur muss sein für die frühere Pfarrfrau preußischen Einschlags. 12 Uhr gibts Mittag. Trifft sich jetzt der Frauenkreis per Telefonkonferenz, drückt sie die Tasten am Klavier. Alle lauschen, manche singen mit, keiner hält das Tempo. Nur die Klavierspielerin. 

„Auf welcher Hausseite hat deine Mutter ein Fenster, zur Straße oder zum Hof?“ Ruth Kohlhoffs Tochter Christiane versteht es gleich richtig. Mutters 90. Geburtstag stand am 22. April an. Groß feiern? Da ist ­Corona vor. Also Geburtstag unterm Balkon. Der GKR-Vorsitzende bringt sein Bingo-Equipment mit, zwei große schwarze Lautsprecher, ein Verstärker. Der Pfarrer holt Mikrofone aus der Kirche und Gesang­bücher. Woher Strom nehmen? Der Rechtsanwalt gegenüber hängt am Telefon, hat keine Zeit. Aber der nette Nachbar in ihrem Haus vom Balkon darunter schmeißt das Verlängerungskabel über die Brüstung. 

Die Tochter ruft oben an, die ­Enkelin Steffi führt Großmutter ans Balkonfenster. Unten stehen fast ein Dutzend Gemeindeglieder der Osterkirche. Die „Meistersinger von Wedding“, wie jemand sagt, singen ihr „Wie schön, dass Du geboren bist, wir hätten Dich sonst sehr vermisst“ und „Großer Gott, wir loben dich“. Oben am Fenster ist eine sprachlos, die das nie ist. Überraschung gelungen. „Die Kaiserin vom Weddingkiez  schaut gütig auf ihr singendes Volk hinunter“, wird später das Video kommentiert. Anne, eine Freundin des Hauses, hat gefilmt. Ringsrum gehen Fenster auf. Glückwünsche und Applaus fliegen über die Sprengelstraße. Radfahrer und Passanten stoppen, lauschen, winken nach oben. Von dort schaut die Jubilarin fassungslos hinunter. Fenstergucken statt Käsekuchen.

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Artikelkommentare

(3) Artikel Name Ihr Kommentar
1. Er kommt, sieht und hört zu Wolfgang Banse Eine Einarbeitungsszeit wird jede/jeden Neue/ Neuen wird zu gestanden.Kommen, sehen. zu hören ist aber auf Dauer nicht angebracht. Pragmatismus ist gefragt. Suchet der Kirche und deren Glieder Bestes.
2. was meinen Sie damit? Dr. Gertrud Gumlich ich gebe Uli Frey vollkommen recht. Nur:
wie (wieder-)belebt man eine Friedensbewegung?
3. Obdachlose Wolfgang Banse Menschen ohne Obdach haben es schwer, jetzt besonders wo die Corona Pandemie ausgebrochen ist. Menschen ohne Obdach bedürfen der Hilfe, nicht nur während der kalten Jahreszeit.Leistungen die von den Kirchen erbracht werden im Bezug Versorgung von Obdachlosen sind überwiegend Fremdfinanzierungen, auch was die Lebensmittel betrifft, hier die Tafel. Aus eigenen Mitteln, hier Etat wird kaum etwas finanziert.

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