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Schweigen brechen, Schuld anerkennen

07.04.2021

Im April jährt sich der Prozess gegen den Nazi-Massenmörder Adolf Eichmann in Jerusalem zum 60. Mal. Nicht nur als Schreibtischtäter hat er den Holocaust mit orchestriert und wurde dafür schuldig gesprochen. Diese „Banalität des Bösen“ – um das berühmte Wort Hannah Arendts aufzugreifen – musste gesühnt werden. Marion Gardei erinnert an diesen wichtigen Prozess

Am 11. April 1961 begann in Jerusalem der Prozess gegen Adolf Eichmann. Er war einer der Planer des Holocaust, der im Reichssicherheitshauptamt in Berlin die Vertreibung und Deportation von Millionen Juden in die Vernichtungslager organisiert hatte. 1946 war er aus US-Kriegsgefangenschaft geflohen, versteckte sich einige Monate auf einem Bauernhof und lebte dann in der britischen Besatzungszone unter falschem Namen. 

Wie vielen anderen NS-Verbrechern wurde ihm 1950 durch die Katholische Kirche ein „Ablasszertifikat“ ausgestellt, mit dessen Hilfe er unter dem Namen Ricardo Klement heimlich über Italien nach Argentinien gelangen konnte, die sogenannte Rattenlinie. Eine Fluchtroute für hochrangige NS-Vertreter. Der israelische Geheimdienst kidnappte den ehemaligen SS-Obersturmbannführer, dessen Aufenthaltsort in 

Argentinien sowohl dem Bundesnachrichtendienst als auch der CIA seit Jahren bekannt war, im Mai 1960. Weil die Bundesrepublik Deutschland kein Auslieferungsersuchen stellte, wurde Eichmann nach israelischem Recht angeklagt. Der Prozess endete im Dezember 1961 mit seiner Verurteilung zum Tode wegen Verbrechen gegen die Menschheit, begangen an Angehörigen des jüdischen Volkes. Am 31. Mai 1962 wurde Adolf Eichmann hingerichtet.

Kein Rädchen im Getriebe

Im Mittelpunkt des Prozesses stand – anders als bei den Nürnberger Prozessen gegen die Hauptkriegsverbrecher 1945 – der Genozid an den Juden. Im Gegensatz zu den wenigen bis dahin in Westdeutschland durchgeführten Verfahren wegen Verbrechen gegen Juden ging es hier nicht so sehr um einzelne Taten, sondern um den gesamten Holocaust. Eichmann versuchte, sich selbst vor Gericht als jemand darzustellen, der nur Befehle ausgeführt habe, ein „Rädchen im Getriebe“ und als solches nicht schuldig zu sprechen sei.

Doch Adolf Eichmann war alles andere als ein kleiner Helfer. Als Leiter des „Judenreferats“ im Reichs­sicherheitshauptamt war er verantwortlich für die Planung und Durchführung des Völkermords an den europäischen Juden. Mit Einfallsreichtum und Schläue betrieb er das wirkmächtig und engagiert. Als Beispiel ein Detail, das durch Zeugenaussagen im Jerusalemer Prozess belegt wurde: Eichmann hatte sich aus­gedacht, dass ungarische Juden vor ihrem Gang in die Gaskammern an ihre Freunde und Verwandte beruhigende Postkarten schreiben sollten: „Wir sind an einem wunderbaren Ausflugsort an einem Waldsee. Es ist aber nicht mehr viel Platz. Kommt deshalb schnell. Bringt gute Schuhe mit.“

Die jüdische Politikwissenschaftlerin Hannah Ahrendt – im Nazideutschland vor der Verfolgung nach Amerika emigriert – stellte als Prozessbeobachterin die berühmte wie umstrittene These von der „Banalität des Bösen“ auf. Damit wollte Ahrendt keineswegs die Verantwortlichkeit Eichmanns mindern oder seine Verbrechen verharm­losen. Sie wollte im Gegenteil die Alltäglichkeit, die Gewöhnlichkeit („banality“) des Bösen zeigen, das vom System des Nationalsozialismus in „normalen“ Menschen hervor­gebracht wurde. Damit widersprach Ahrendt der – damals in Bezug auf den Nationalsozialismus üblichen – Deutung des Bösen als dämonisch oder teuflisch, als eine höhere Macht, die Menschen überfallen habe. Ahrendt meinte vielmehr, das Beispiel Eichmann zeige, dass jeder und jede zum Täter werden konnte. Für Arendt war Eichmann ein Teil in der Vernichtungsmaschinerie, ein gehorsamer Beamter am Schreibtisch, ein typischer Funktionär ohne Schuldbewusstsein oder -erkenntnis, der ohne besonderen Hass agierte, sondern einfach dazugehören und Karriere machen wollte.

Gefühllos vor Gericht

Eichmann selbst inszenierte sich im Prozess als Biedermann. Der frühere israelische Staatsanwalt Gabriel Bach berichtete später in einem Zeitzeugengespräch, dass er im Verhör bei Eichmann nach Gefühlen der Reue gesucht habe oder angesichts der vorgeführten Grausamkeit erwartete wenigstens eine Gemütsbewegung zu sehen. Stets aber lauschte dieser eher teilnahmslos den grauenvollen Berichten der Zeugen über die Details der Verbrechen, die an ihnen und ihren Familien begangen wurden und die auch belegten, dass Eichmann durchaus „vor Ort“ in den Lagern war und sich vom Funktionieren der Todes­maschinerie überzeugt, seine Tätigkeit sich also keineswegs auf den Berliner Schreibtisch beschränkt hatte. Die einzige Gemütsregung – so Staatsanwalt Gabriel Bach – zeigte Eichmann einmal, als er merkte, dass er seine Krawatte in der Zelle vergessen hatte. Das war ihm sehr wichtig, dass er stets bürgerlich gekleidet im Gerichtssaal auftreten konnte.

Protestantische Perspektiven

Der Berliner evangelische Propst Heinrich Grüber, der in der Nazizeit vielen  Christ*innen geholfen hatte, die nach damaliger „Rasse“-Definition als Juden galten, hatte die Ehre, als Kirchenmann in Jerusalem als Zeuge gehört zu werden. Er sagte über seine früheren Begegnungen mit Eichmann aus: „(…) Ich habe von ihm den Eindruck eines Mannes gehabt, der da sitzt wie ein Eisblock (…) und alles, was man versucht, an ihn heranzubringen (zum Beispiel Vorschläge für die Ausreise einiger Bedrohter), das prallt ab (…). Er ist so etwas, was wir damals den ‚Landsknechts-Typ‘ nannten: (…) der mit seiner Uniform, die er anzieht, das Gewissen und den Verstand ablegt.“ 

Aber es gab auch andere evangelische „Zeugnisse“, die Eichmann zu verteidigen suchten. So ergriff der ehemalige oberösterreichische Superintendent Wilhelm Mensing-Braun, der Eichmann aus seiner Zeit als Pfarrer in Linz kannte, beim kirchlichen Außenamt in Frankfurt am Main im Juni 1960 für Eichmann Partei: „Charakterlich war er (…) von grundanständiger Gesinnung und ein Mann mit gütigem Herzen und großer Hilfsbereitschaft. Ich kann mir nicht vorstellen, dass er je zu Grausamkeit oder verbrecherischen Handlungen fähig gewesen wäre.“

Zur Bedeutung des Eichmann-Prozesses in Israel sagte der Staatsanwalt Gabriel Bach: „Durch den Prozess ist das Gedenken an den Holocaust enorm gestiegen. Damals wollten viele Zeugen nicht aussagen. Sie wollten das Geschehene verdrängen.“  Auch in Deutschland weigerten sich viele – aus Perspektive der Täter – über den Nationalsozialismus und seine Verbrechen zu reden, lehnten es zum Beispiel ab, ihn in der Schule zu thematisieren. Weil aber über den Prozess jeden Tag berichtet wurde, war das Verschweigen nicht mehr möglich. So stand, wenigstens für kurze Zeit, der Holocaust im Mittelpunkt internationaler Aufmerksamkeit. In der Bundes­republik wuchs durch ihn auch das Interesse an anderen Nazi-Tätern. So wurden durch den Eichmann-Prozess später auch die Frankfurter Ausschwitzprozesse möglich und die Verjährungsregeln für Naziverbrechen gelockert.

Marion Gardei ist Beauftragte für Erinnerungskultur in der EKBO und seit Januar landeskirchliche Antisemitismusbeauftragte. Der christlich- jüdische Dialog ist ein Schwerpunkt ihrer Arbeit.

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1. Mehr Gotteshäuser für die Kaiserstadt Dirk Stratmann, Berlin Die Verdienste der fürsorglichen Kirchen-Juste sind unbestritten und anerkennenswert. Doch die
Grundlage ihrer Tätigkeit war der verhängnisvolle Summepiskopat in den evangelischen Landeskirchen bis 1918. Das landesherrliche Kirchenregiment war eigentlich nur für eine vorüber-gehende Notzeit gedacht. Doch das gefiel dann Fürsten und Kirchenver-antwortlichen so gut, dass die Notzeit fast vierhundert Jahre überstand bis 1918. Und aus Protest gegen die Wende 1919 und gegen die demokratische Fahne „Schwarz-Rot-Mostrich“ (so hieß es verächtlich) legte sich die evange-lische Kirche eine lilafarbene Kirchen-fahne zu. Und bezeichnend, dass - ganz anders als in den katholischen Gebieten - in den evangelischen Gebieten fast überall 1933 die Nazis bei den Wahlen die Nase vorne hatten. „Tempora mutantur, sed ecclesia saepe non mutatur.“ So sieht der frühere grüne Abgeordnete Frieder Otto Wolf weiterhin eine komplizenhafte Verstrickung der Kirche mit der Staatsmacht. Zwar sind inzwischen die evangelischen Christen in Berlin und in Brandenburg nur noch eine Randgruppe mit weniger als 15% der Bevölkerung – weiterhin abnehmend. Doch was erleben die nichtreligiösen Berliner, die überwältigende Mehrheit der Bevölkerung? Sie erlebten, wie kirchliche Lobbyisten für das sogenannte kultische „HOUSE of ONE“ [ Spitzname „Wohngemeinschaft Gottes“ – Kultge-bäude für Juden, Christen, Muslime ] sich schamlos 25 Millionen Euro und kosten-los einen Bauplatz im Zentrum Berlins verfassungswidrig sicherten. Und ein Pfarrer, ein Imam und ein Rabbiner, jeweils in auffallend langen Gewändern, posierten dafür gemeinsam mit dem Regierenden Bürgermeister Müller für die Presse . Was Jesus von solchen auffälligen langen Gewändern in der Öffentlichkeit hält, lese man in der Bibel nach ( Mk. 12, 38ff; Lk. 20, 45f; Mt. 23, 5-7).
Das Projekt des sogenannte „HOUSE of ONE „ war ursprünglich von der Politik angedacht worden. Der Staat wird hier als parteilich erlebt. Und das untergräbt den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Und es kommen Befürchtungen auf, dass der Staat das Religiöse wieder für eigene Zwecke kanalisieren und instru- mentalisieren und eine synkretistische Fernwirkung anpeilen könnte. Und die evangelische Kirche hatte sich sofort wieder einmal an die Rockschöße des Staats geklemmt, um an die „ Fleisch-töpfe Ägyptens „ (2. Mose 16,3) ranzukommen – dazu der frühere evangelische Bischof eigens zu Verhandlungen auf dem Roten Rathaus. Nicht einmal 0,5 Prozent der Berliner besuchen sonntags einen evangelischen Gottesdienst. (Es ist absehbar, dass es in Berlin später mehr Muslime als evan-gelische Christen gibt.) Bestehende Kirchen stehen oft großenteils leer, viele Kirchengebäude werden entweiht, verkauft oder gar abgerissen. Aber die Kirche lässt sich einen neuen Prestige-bau mit 25 Millionen großenteils vom Staat finanzieren und kostenlos dazu das Grundstück stellen. Schämt sich die Kirche denn gar nicht? Diese Vorteil-nahme riecht nach Korruption. Bei diesem Kultgebäude, welches verfas-sungswidrig vom Staat (er muss religiös und weltanschaulich neutral sein) finanziert wird, sehen Berliner Steuer-zahler (diese in überwältigender Mehrheit nicht religiös) ihre Steuer-gelder missbraucht. In Berlin fehlen 26.000 Kitaplätze. Für das Geld des kultischen Prestigebaus „HOUSE of ONE“ hätte man sechs neue Kitas bauen können. Die fürsorgliche Kirchen-Juste hätte hier heute vermutlich anders geplant, da doch so viele evangelische Kirchen wegen mangelnder Nachfrage abgewickelt werden.
ABER ES KAM N O C H V I E L
S C H L I MM E R :
Gegen den ausdrücklichen Willen der überwältigenden Mehrheit der Muslime wählte man einen Mini-Verein der Gülen-Bewegung als Vertreter der Muslime aus (nur 6.000 der ca. 300.000 Muslime in Berlin – so die eigenen Angaben der Gülen-Bewegung). Das wäre etwa so, als würde man in Peking staatlicherseits für die Christen beispielsweise die pflegeleichten „Christen für den Sozialismus“ auswählen. Hier betätigt sich der Staat wieder einmal wie in früheren Zeiten von „Thron und Altar“ ungeniert als Religionsingenieur und privilegiert g r u n d g e s e t z w i d r i g (Staat muss religiös und weltanschaulich neutral sein) ausgewählte MINDER-HEITENgruppen. Ursprünglich war das Projekt als Graswurzelprojekt vorgestellt worden. Doch für ein Graswurzelprojekt interreligiösen Dialoges braucht man keinen teuren kultischen Prestigebau und dafür grenzt man auch nicht willkürlich diskriminierend viele Religionen aus. Sinnvoll ist es dagegen, wenn der Staat über schulische Lehrpläne und mit entsprechenden Angeboten bei Volkshochschulen, Akademien, politischen Landeszentralen, usw., usf. den interreligiösen Dialog fördert. Und die Religionsgemein-schaften können ihrerseits im Sinn eines Graswurzelprojekts interreligiösen Dialog und Trialog usw. institutio-nalisieren auch ohne teuren kultischen Vorzeigebau – reihum in bestehenden Gemeindezentren, mal in christlichen, mal jüdischen, mal muslimischen, usw. oder auch auf neutralem Boden in öffentlichen Räumen.
Oder damit man nicht diskriminierend kleinere Religionsgemeinschaften ausgrenzt, könnte man ein gemeinsa-mes, nichtkultisches Haus der Religionen für Gespräche und gemeinsame Aktionen der unterschiedlichen Religionsgemeinschaften bereitstellen. Schon jetzt gibt es auch ohne das teure „HOUSE of ONE „, das diskriminierend ausgrenzt, pro Woche in Berlin sehr viele Angebote. Das „HOUSE of ONE“ wird auch in Berlin ständig weitere Sicher-heitskräfte binden, wie wir das von „Brennpunkten" aus dem Ausland kennen. Es wird eher Sprengsatz statt Kitt der Gesellschaft sein, da für ihre kultischen Gebäude Religionsgemein-schaften schon selber gezahlt haben sollten.
Es bleibt zusätzlich noch eine kleine Frage unbeantwortet: Bei dem Dialoggottesdienst zum Purimfest in der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche am 25.2.2021 hatte sich Esther Hirsch gleich zu Anfang als Vertreterin des „HOUSE of ONE“ vorgestellt und angekündigt, dass in diesem Haus alle Religionen (es war ausdrücklich von allen Religionen die Rede, nicht nur von den abrahamischen) beten sollten. Meine Frage war bisher nicht beantwortet worden, ob die Hindus, die Isisanbeter, die Anhänger der Druiden- und germanischen Kulte, usw., usf. nun in der Synagoge oder Moschee oder christlichen Kirche ihre Andacht verrichten dürfen. In einem echten dialogischen Gottesdienst hätte ein Pfarrer eine solch grundlegende Frage gleich aufgreifen können. Die Frage ist bis heute nicht beantwortet.
Dirk Stratmann, Berlin

2. Solidarische Sympathie Wolfgang Banse Ökumene, sollte, darf nicht daran gemessen werden im Bezug auf ein gemeinsames gefeiertes Heiliges Abendmahl.Ökumene, hier gemeinsam gefeiertes Heiliges Abendmahl besteht nicht bei allen evangelischen christlichen Kirchengemeinschaften, hier SELK und Amtskirchen.Es wurde in den letzten Jahrzehnten viel erreicht, dies sollte nicht vergessen werden.Die Evangelischen Kirchen sollten nicht weiter als Kirchen guten Willens betrachtet und gesehen werden, sondern als gleichwertige, vollwertige Kirchen.
3. Gelassen Ostern zulassen Wolfgang Banse "Wir sind präsent" m-diese Worte greife ich auf und frage mich ob es eine Freudsche Fehlleistung, ein Black out von Herrn Stäblein war, was seine Gedanken zum Osterfest zum Osterfest 2021 anbelangt. Ein ruhiges, gelassenes Leben führen hier die Hauptamtlichen, Pastorinnen und Pastoren während der seit über einem Jahr existierenden Corona Pandemie. Monatelang fallen Andachten und Gottesdienste aus,nicht jede und jeder Gläubige ist im Besitz eines PC, Notebook,..Wenn die Menschen nicht zur Kirche kommen-dann sollten die Hauptamtlichen zu den Menschen kommen.Geschieht dies?!(Ausnahmen bestä-
tigen die Regel) Effizient und Qualität ist in jeder Hinsicht gefragt, was die Institution Kirche, hier EKBO betrifft.Gesegnete Ostern Frau Bammel/Herr Stäblein.

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