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"Sehnsucht nach Trauer"

05.03.2020

Drei Fragen an den Theologen Reiner Sörries zur Bewältigung von Unglück und Terror

epd-Gespräch: Stephan Cezanne (epd)

Frankfurt a.M. (epd). Die öffentliche Anteilnahme nach Unglücken oder Terrorakten wie in Hanau nimmt nach Ansicht des Trauer-Experten Reiner Sörries zu. "Man gewinnt den Eindruck, dass beinahe jede Gelegenheit wahrgenommen wird, um in dieser Art zu trauern", sagte der frühere Direktor des Kasseler Museums für Sepulkralkultur zu Sterben, Bestatten und Gedenken dem Evangelischen Pressedienst (epd). Vor allem "fremde" Anlässe seien ein Ventil für "jene Trauerreaktionen, die wir uns im persönlichen Bereich versagen". Sörries (67) ist Mitherausgeber des Fachmagazins "Leidfaden" für Krisen, Leid und Trauer (Vandenhoeck & Ruprecht-Verlag) und außerplanmäßiger Professor für Christliche Archäologie und Kunstgeschichte an der Theologischen Fakultät der Universität Erlangen.

epd: Nach Anschlägen wie in Hanau ist die öffentliche Anteilnahme groß. Viele sprechen inzwischen von einer Art "Event-Trauer" mit Blumenmeeren und Kerzen und zur Schau gestellten Emotionen. Sehen Sie da einen Trend?

Reiner Sörries: Die Formen öffentlicher Anteilnahme nehmen in der Tat zu. Man gewinnt den Eindruck, dass beinahe jede Gelegenheit wahrgenommen wird, um in dieser Art zu trauern. Das hat sich in den letzten Jahren so entwickelt. Historisch gesehen gab es solche öffentliche Trauer erstmals beim Tod des schwedischen Ministerpräsidenten Olof Palme, der 1986 ermordet worden war. Hier kamen am Ort des Attentats Tausende von Menschen zusammen und hinterließen ein Blumenmeer. In der Folge steigerten sich die Anlässe für kollektive Trauer, die manchmal geradezu gesucht werden. Ich erinnere daran, dass es sogar 2011 beim Tod des Berliner Eisbären Knut solche Trauerbekundungen gab. Man kann daraus auf eine Sehnsucht nach Trauer schließen.

epd: Warum stürzen sich viele Menschen heute in kollektive Gefühle wie Trauer oder auch in Empörung?

Sörries: Zunächst war es ein gesellschaftlicher Lernprozess, auf schlimme, tödliche Ereignisse so zu reagieren. Zunehmend fanden sich Menschen ein und trauerten um Opfer, die sie persönlich gar nicht kannten. Somit handelt es sich um eine andere Form von Trauer als beim Tod eines nahen Verwandten, eines geliebten Menschen. Die Schwelle von der Trauer zur Empörung ist dann niedrig, wenn Schuldige an den Vorkommnissen auszumachen sind. Dabei ist die Suche nach Schuldigen elementar, weil für den Tod von Menschen immer jemand verantwortlich sein muss. Dann ist der Tod, der eigentlich nicht sein darf, leichter zu ertragen.

epd: Bietet das öffentliche Trauern für viele Menschen die Möglichkeit, Emotionen zu zeigen, die sie in ihrem Alltag sonst nicht zeigen können? Ist diese Anteilnahme wirklich so selbstlos?

Sörries: Tatsächlich sind die Menschen bei persönlichen Verlusten eher geneigt, Stärke statt Schwäche oder Trauer zu zeigen. So will man sich etwa beim Verlust des Arbeitsplatzes, bei der Trennung von einem Partner oder einer Partnerin nichts anmerken lassen. Selbst beim Tod eines nahestehenden Menschen halten viele Menschen heftige Trauerreaktionen eher zurück. Es gibt also viele Momente für Trauer im Leben, die wir nicht zeigen. Umso mehr ist Trauer eben bei "fremden" Anlässen erlaubt, und sie sind ein Ventil für jene Trauerreaktionen, die wir uns im persönlichen Bereich versagen.

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1. Theologie in Zeiten von Corona Andrea Richter Theologie in Zeiten von Corona
Auf meinem Schreibtisch liegt eine Postkarte, die ich vor zwei Jahren während eines wundervollen Urlaubes in der in Arles, in der Fondation Vincent van Gogh, gekauft habe: ein Totenschädel.
Memento Mori, bedenke, Mensch, dass du sterben musst!
Das macht mir keine Angst, und es hat für mich nichts, aber auch gar nichts mit einem strafenden Gott zu tun.
Das Bild erinnert mich an Adam, den ersten Menschen, dem Gott (nach Genesis 2, 7) den Odem des Lebens in seine Nase blies, so dass der Adam (Mensch) von der Adama (der Erde) zu einem lebendigen Wesen wurde.
Der Mensch, der Atem, das Leben – die Lebensantwort auf den Ruf: bebauen und bewahren!
Das Virus, der Kampf um das Atmen-Können und die Bedrohung durch den Tod.
Corona – ist auch ein memento mori!
Unsere christliche Tradition gründet darauf:
Jesu Leben – Jesu Sterben am Karfreitag – in Gott hinein – Auferstehehung– ewiges Leben – ewiger Lebensodem!
Die Chance: Aufatmen (hier & jetzt) wieder Atmen lernen, uns (vor allem auch als Kirche) nicht mehr verausgaben.
Ja, aufstehen gegen Tod und Lebensfeindlichkeit – aber zugleich auch Umkehren – uns wieder bewusstwerden, was vor allem die Abendlieder unseres Gesangbuches uns lehren:
„Ein Tag, der sagt dem andern, mein Leben sei ein Wandern zur großen Ewigkeit. O Ewigkeit, so schöne, mein Herz an dich gewöhne, mein Heim ist nicht in dieser Zeit“ (EG 481, 5 Text: Gerhard Tersteegen, 1745)
Wir dürfen als Kirche (wieder) lernen, Menschen in Angewiesenheit, Hilflosigkeit und Abhängigkeit zu werden – und Gott in allem zu suchen und zu finden; wir dürfen lernen, uns nicht zu scheuen, von Gott zu reden, der alles in allen ist:
„Das eine ist mir so klar und spürbar wie selten:
Die Welt ist Gottes so voll.
Aus allen Poren der Dinge quillt er gleichsam uns entgegen.
Wir aber sind oft blind.
Wir bleiben in den schönen und bösen Stunden hängen
Und erleben sie nicht durch bis an den Brunnenpunkt,
an dem sie aus Gott herausströmen.
Das gilt für das Schöne und auch für das Elend.
In allem will Gott Begegnung feiern
Und fragt und will die anbetende, hingebende Antwort.
Die Kunst und der Auftrag ist nur dieser,
aus diesen Einsichten und Gnaden
dauerndes Bewusstsein und dauernde Haltung
zu machen und werden zu lassen.
Dann wird das Leben frei in der Freiheit
Die wir immer gesuchte haben.“

(am 17. November 1944 auf einen Kassiber von Alfred Delp mit gefesselten Händen geschrieben aus seiner Zelle im Gefängnis
2. Vor allem Umkehren und Lernen: aushalten und beistehen Michael Juschka Der Dialog ist anregend und ich danke den unsere Kirche Leitenden für ihre erfrischende Offenheit. Möglicherweise könnten auch ausgetauschte E-Mails noch einmal überarbeitet werden, damit die Gedanken stärker konturiert werden. Das Glaubensbekenntnis beginnt mit dem Glauben an Gott als Schöpfer. Deshalb wird es nicht leicht sein, Gottes Wirken nicht auch in Gefährdungen zu sehen, die sich aus dieser so vorfindlichen Schöpfung ergeben. Eine Botschaft, die ich auch aus dem Mund von Wissenschaftler*innen höre, steckt in der Frage, ob wir nicht Abstand davon nehmen müssen, Tiere in uns aufzunehmen. Mir fallen nur die Schlagworte wie Rinderwahnsinn, Schweine- oder Vogelgrippe ein. Was ist eigentlich mit den Wildschweinen los? Wir können auf keinen Fall gegen die Schöpfung selbst unser Leben entfalten und bewahren. Es geht um ein bauen und bewahren dessen, was vorgegeben ist.
3. GOTT braucht keine Kranken, um uns zu unterrichten Georg Wagener-Lohse Liebe Christina, Lieber Christian, zuerst dachte ich „typisch evangelisch und typisch akademisch – so viele Worte“. Und etwas Abgrenzendes sprang mich an. Ob es mit mir selbst zu tun hatte, mit meiner Sehnsucht nach einer empathischen aber auch deutenden Kirche?
Dann habe ich mir später noch einmal Zeit genommen und versucht, hörend zu lesen. Ja, zur Ruhe möchte ich auch gerne kommen, Trost finden, neben dem vielen Aufgeregten und Erschreckenden. Ja, und nach einem Sinn darin taste ich auch.
Da fiel mir dann auf, dass wir ganz nahe bei einander sind mit dem Gott, der Atem ist, der da ist. Und da tauchte sogar das Bild auf, das er uns geschenkt hat und was ich auch im Text gesucht hatte: der Gott mit uns, Immanuel, der den wir als den Christus bekennen.
Und dann bin ich dankbar für die Frage am Ende „Wie bringen wir das in Worte zur richtigen Zeit?“ - eine Haltung, die warten kann, dass der Atem kommt, der unsere Stimmen zum Schwingen bringt und unsere Füße in Bewegung setzt.
Abgesehen von den gestrigen, die den rächenden Lehrmeister wieder beschwören wollen, möchte ich aber auch noch um unsere Solidarität mit denen bitten, die unsere gesellschaftliche Krise vor und nach „Corona“ sehen. Sie reiben sich die Augen, was wir alle plötzlich zustande bringen an Konsequenz. Ich finde hilfreich, was Matthias Horx als Re-gnose beschrieben hat, und ich finde auch eher diejenigen autoritär, die uns bei einem mit der Schöpfung unverträglichen Lebensstil halten wollen. Ich wünsche mir so sehr, dass auch unsere Kirche auf dem Weg aus dieser Gefangenschaft dabei sein wird.
Herzlich, Georg

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