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Singen und Schwingen

18.03.2020

Töne und Gebet bringen die Erde in Schwung. Gedanken zum Predigttext am Sonntag Lätare.

Predigttext am Sonntag Lätare, „Freuet euch“: Jesaja 66,10–14

Freuet euch mit Jerusalem und seid fröhlich über die Stadt, alle, die ihr sie lieb habt! Freuet euch mit ihr, alle, die ihr über sie traurig gewesen seid. Denn nun dürft ihr saugen und euch satt trinken an den Brüsten ihres Trostes; denn nun dürft ihr reichlich trinken und euch erfreuen an ihrer vollen Mutterbrust. Denn so spricht der Herr: Siehe, ich breite aus bei ihr den Frieden wie einen Strom und den Reichtum der Völker wie einen überströmenden Bach. Da werdet ihr saugen, auf dem Arm wird man euch tragen und auf den Knien euch liebkosen. Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet; ja, ihr sollt an Jerusalem getröstet werden. Ihr werdet’s sehen und euer Herz wird sich freuen, und euer Gebein soll grünen wie Gras. Dann wird man erkennen die Hand des Herrn an seinen Knechten und den Zorn an seinen Feinden. 

Von Sibylle Sterzik

Freuet euch mit Mailand! Die Italiener reißen die Fenster auf und singen von den Balkonen Beethovens Ode an die Freude. #FlashmobSonoro: 200 Jahre Beethoven – die ganze Deutsche Schule Mailand spielt die Europahymne. Eine Hommage an den Jubilar, aber vor allem an Europa, dass wir singend zusammenstehen in diesen Zeiten. Wo wir nichts mehr brauchen als Nähe und Zuspruch, Vereintsein und gegenseitiges Halten, statt Isolation, Verunsicherung und Vereinsamung. Musik verbindet und heitert auf, erst recht in diesen Tagen. „Gemeinsam und mit Zuversicht wird Italien, Europa und die ganze Welt das Coronavirus besiegen“, schrieb mir Anne Stempel-de Fallois, Pfarrerin und Lehrerin der Mailänder Schule am vergangenen Freitag. Jeden Freitag ab 18 Uhr wird das Singen jetzt wiederholt. 

Besonders ­Kinder, Jugendliche und Familien freuen sich, dass endlich was los ist, Aggressionen können raus, auch Traurigkeit. Weil es so viele machen, stärkt es das Gefühl „Wir gehören zusammen“. Nicht alle haben den Virus. „Wir leben!“, so die Lehrerin. Und die nächste Aktion folgt gleich am vergangenen Samstag: „In der Art und Weise wie John Lennons wunderbarer Song ,Imagine‘ Millionen von Menschen inspirierte, machen wir es auch. Wir überschwemmen soziale Netzwerke auf der ganzen Erde und erreichen auch alle kleinen Winkel der Welt. Mit der Bewegung „Wasser trinken und den Frieden nähren“. Die Idee: Bei jedem Wassertrinken, möglichst alle 15 Minuten, diesen Satz zu verinnerlichen: „Die Welt ist in Frieden und ich bin es auch.“ Gottes Wille und unser Mantra gegen die Angst. Friede auf Erden. Freuet euch. „Ohne Anstrengung werden wir Millionen von Menschen pro Stunde sein, die den Satz wiederholen, beten oder mentalisieren“, schreibt Anne Stempel-de Fallois. „Bilden wir einen Fluss von hochfrequenten Schwingungen zugunsten des Friedens. Die Kraft des Gebets wird sich jedes Mal vervielfachen, wenn jemand der Bewegung beitritt.“

Ich lasse mich anstecken. Viele solcher Sätze können folgen. Auch der Obenstehende. Wir machen die Welt zu einem Ort des Friedens mit starken Momenten der Freude. Freuet euch, Mailand, Wien, Zürich, Berlin und wie die Städte alle heißen. Auch und besonders Jerusalem. Und Bethlehem, das abgeriegelt ist. Und du Gott, lass es wieder grünen. 

Aber das erlebe ich auch: „Ich bin sehr traurig“, sagt die ältere Dame im Hintergrund beim Anruf, dass heute kein Gottesdienst ist. Es trös­tet sie auch nicht, dass wir ein Gebet halten und mit dem Segen nach Hause gehen. „Ein stiller Weltuntergang“, schreibt eine andere besorgte Frau. Die Altenheime raten von Besuchen ab. Die Pflegerin hat Tränen in den Augen, als sie sieht, wie ich mich von Mutter verabschiedete. Für wie lange?

Aber wir sind nicht machtlos. Wir beten und singen und trösten. Und tragen uns gegenseitig auf dem Arm. Den Gott hält.

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1. Theologie in Zeiten von Corona Andrea Richter Theologie in Zeiten von Corona
Auf meinem Schreibtisch liegt eine Postkarte, die ich vor zwei Jahren während eines wundervollen Urlaubes in der in Arles, in der Fondation Vincent van Gogh, gekauft habe: ein Totenschädel.
Memento Mori, bedenke, Mensch, dass du sterben musst!
Das macht mir keine Angst, und es hat für mich nichts, aber auch gar nichts mit einem strafenden Gott zu tun.
Das Bild erinnert mich an Adam, den ersten Menschen, dem Gott (nach Genesis 2, 7) den Odem des Lebens in seine Nase blies, so dass der Adam (Mensch) von der Adama (der Erde) zu einem lebendigen Wesen wurde.
Der Mensch, der Atem, das Leben – die Lebensantwort auf den Ruf: bebauen und bewahren!
Das Virus, der Kampf um das Atmen-Können und die Bedrohung durch den Tod.
Corona – ist auch ein memento mori!
Unsere christliche Tradition gründet darauf:
Jesu Leben – Jesu Sterben am Karfreitag – in Gott hinein – Auferstehehung– ewiges Leben – ewiger Lebensodem!
Die Chance: Aufatmen (hier & jetzt) wieder Atmen lernen, uns (vor allem auch als Kirche) nicht mehr verausgaben.
Ja, aufstehen gegen Tod und Lebensfeindlichkeit – aber zugleich auch Umkehren – uns wieder bewusstwerden, was vor allem die Abendlieder unseres Gesangbuches uns lehren:
„Ein Tag, der sagt dem andern, mein Leben sei ein Wandern zur großen Ewigkeit. O Ewigkeit, so schöne, mein Herz an dich gewöhne, mein Heim ist nicht in dieser Zeit“ (EG 481, 5 Text: Gerhard Tersteegen, 1745)
Wir dürfen als Kirche (wieder) lernen, Menschen in Angewiesenheit, Hilflosigkeit und Abhängigkeit zu werden – und Gott in allem zu suchen und zu finden; wir dürfen lernen, uns nicht zu scheuen, von Gott zu reden, der alles in allen ist:
„Das eine ist mir so klar und spürbar wie selten:
Die Welt ist Gottes so voll.
Aus allen Poren der Dinge quillt er gleichsam uns entgegen.
Wir aber sind oft blind.
Wir bleiben in den schönen und bösen Stunden hängen
Und erleben sie nicht durch bis an den Brunnenpunkt,
an dem sie aus Gott herausströmen.
Das gilt für das Schöne und auch für das Elend.
In allem will Gott Begegnung feiern
Und fragt und will die anbetende, hingebende Antwort.
Die Kunst und der Auftrag ist nur dieser,
aus diesen Einsichten und Gnaden
dauerndes Bewusstsein und dauernde Haltung
zu machen und werden zu lassen.
Dann wird das Leben frei in der Freiheit
Die wir immer gesuchte haben.“

(am 17. November 1944 auf einen Kassiber von Alfred Delp mit gefesselten Händen geschrieben aus seiner Zelle im Gefängnis
2. Vor allem Umkehren und Lernen: aushalten und beistehen Michael Juschka Der Dialog ist anregend und ich danke den unsere Kirche Leitenden für ihre erfrischende Offenheit. Möglicherweise könnten auch ausgetauschte E-Mails noch einmal überarbeitet werden, damit die Gedanken stärker konturiert werden. Das Glaubensbekenntnis beginnt mit dem Glauben an Gott als Schöpfer. Deshalb wird es nicht leicht sein, Gottes Wirken nicht auch in Gefährdungen zu sehen, die sich aus dieser so vorfindlichen Schöpfung ergeben. Eine Botschaft, die ich auch aus dem Mund von Wissenschaftler*innen höre, steckt in der Frage, ob wir nicht Abstand davon nehmen müssen, Tiere in uns aufzunehmen. Mir fallen nur die Schlagworte wie Rinderwahnsinn, Schweine- oder Vogelgrippe ein. Was ist eigentlich mit den Wildschweinen los? Wir können auf keinen Fall gegen die Schöpfung selbst unser Leben entfalten und bewahren. Es geht um ein bauen und bewahren dessen, was vorgegeben ist.
3. GOTT braucht keine Kranken, um uns zu unterrichten Georg Wagener-Lohse Liebe Christina, Lieber Christian, zuerst dachte ich „typisch evangelisch und typisch akademisch – so viele Worte“. Und etwas Abgrenzendes sprang mich an. Ob es mit mir selbst zu tun hatte, mit meiner Sehnsucht nach einer empathischen aber auch deutenden Kirche?
Dann habe ich mir später noch einmal Zeit genommen und versucht, hörend zu lesen. Ja, zur Ruhe möchte ich auch gerne kommen, Trost finden, neben dem vielen Aufgeregten und Erschreckenden. Ja, und nach einem Sinn darin taste ich auch.
Da fiel mir dann auf, dass wir ganz nahe bei einander sind mit dem Gott, der Atem ist, der da ist. Und da tauchte sogar das Bild auf, das er uns geschenkt hat und was ich auch im Text gesucht hatte: der Gott mit uns, Immanuel, der den wir als den Christus bekennen.
Und dann bin ich dankbar für die Frage am Ende „Wie bringen wir das in Worte zur richtigen Zeit?“ - eine Haltung, die warten kann, dass der Atem kommt, der unsere Stimmen zum Schwingen bringt und unsere Füße in Bewegung setzt.
Abgesehen von den gestrigen, die den rächenden Lehrmeister wieder beschwören wollen, möchte ich aber auch noch um unsere Solidarität mit denen bitten, die unsere gesellschaftliche Krise vor und nach „Corona“ sehen. Sie reiben sich die Augen, was wir alle plötzlich zustande bringen an Konsequenz. Ich finde hilfreich, was Matthias Horx als Re-gnose beschrieben hat, und ich finde auch eher diejenigen autoritär, die uns bei einem mit der Schöpfung unverträglichen Lebensstil halten wollen. Ich wünsche mir so sehr, dass auch unsere Kirche auf dem Weg aus dieser Gefangenschaft dabei sein wird.
Herzlich, Georg

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