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Sterbehilfe – Ein Ehepaar, zwei Meinungen

04.03.2020

Das Verbot wurde gekippt. Anne und Nikolaus Schneider haben unterschiedliche Auffassungen.

Wer sein Leben beenden möchte, weil er es vor Schmerz und Leid nicht mehr aushält, soll mit professioneller Begleitung sterben dürfen - so hat es das Bundesverfassungsgericht (BVG) am vergangenen Mittwoch beschlossen. Es kippte das Verbot der geschäftsmäßigen Sterbehilfe nach Paragraf 217 und stärkte das Selbstbestimmungsrecht schwerkranker Menschen. Die Lehrerin Anne Schneider, die vor sechs Jahren an Brustkrebs erkrankte, und ihr Mann Nikolaus, der Theologe und frühere Ratsvorsitzende der EKD, vertreten dazu unterschiedliche Auffassungen. 

Frau Schneider, begrüßen Sie diese Entscheidung?

Ich bejahe den Grundansatz der Karlsruher Richter, dass nach unserem Grundgesetz den einzelnen Bürger*innen die Freiheit zusteht, selbstbestimmt zu leben. Und dass zu dieser Freiheit eben auch die Freiheit gehört, sein Leben „eigenhändig bewusst und gewollt zu beenden“ und dafür die Hilfe von anderen in Anspruch zu nehmen. Ich begrüße deshalb die Entscheidung gegen den Paragraphen 217, weil ich der Ansicht bin: Das Sterbehilfe-Gesetz von 2015 hat die Möglichkeit einer Suizidbeihilfe von Ärztinnen und Ärzten verunklart, wenn nicht sogar verunmöglicht. 

Glauben Sie, dass das Urteil dazu führen kann, dass alte und schwerkranke Menschen sich ­gedrängt fühlen, ihr Leben zu ­beenden, wie es die Kirchen ­befürchten?

Jede Freiheit kann missbraucht werden – so auch die individuelle Freiheit, sein Leben selbstbestimmt zu beenden. Die vom BVG-Urteil eröffnete Freiheit für Sterbewillige würde missbraucht, wenn sie von anderen Menschen oder von veränderbaren unerträglichen Lebensverhältnissen dazu gedrängt würden, ihr Leben zu beenden. Diesem Missbrauch von Freiheit sollten wir nicht zuletzt in unserer Kirche widerstehen und entgegen arbeiten. Aber ein möglicher Missbrauch von Freiheit diskreditiert die Freiheit doch nicht.

Herr Schneider, Sie lehnen assistierte Selbsttötung ab, würden aber Ihre an Krebs erkrankte Frau aus Liebe zu ihr in die Schweiz begleiten. Fühlen Sie sich durch das Urteil darin bestärkt oder vertieft es vor allem Ihren Zwiespalt?

Das Urteil ändert an meinem Zwiespalt nichts. Für mich bleibt es in ethischen Fragen wichtig, zwei Argumentationsebenen zu unterscheiden: zum einen die theoretisch-normative Ebene, die Wegweisung für gesetzliche Regelungen ist. Zum anderen die lebenspraktische, individualethische Ebene. In der gesellschaftlichen Debatte über den assistierten Suizid sollten wir die lebensschützende Funktion der gesetz­lichen Regelung nicht unterschätzen – nicht nur im Blick auf das individuelle Leben, sondern auch für das Wertegerüst einer Gesellschaft. Das BVG-Urteil schwächt meiner Ansicht nach dieses Wertegerüst, weil es der freien Selbstbestimmung des einzelnen Menschen zur Selbst­tötung einen absoluten Rang zuerkennt – in jeder Lebenslage. Das geht weiter als Holland oder die Schweiz.

Frau Schneider, lange verweigerten Kirchen „Selbstmördern“ eine christliche Bestattung. Der Vorwurf: Ihnen fehlte Gottvertrauen. Zudem vernichteten sie das von Gott geschenkte Leben. Glauben Sie, dass es eine Frage von fehlendem Vertrauen zu Gott ist, wenn jemand sein Leben beendet, weil er sich nur noch vor Schmerzen quält?

Ich lebe und glaube nicht mit einem Gottesbild, nach dem Gott im Himmel für jeden lebenden Menschen auf der Erde ein bestimmtes Sterbedatum geplant hat. Ich glaube also nicht, dass man mit einer Selbsttötung Gottes guten Plan verhindert und zerstört. Wenn ich am Ende eines erfüllten Lebens im Reinen mit mir und den mir nahen Menschen Medikamente nähme, um mein Sterben zu beschleunigen, könnte ich dies mit meinem Gottvertrauen vereinbaren.

Sie haben in Ihrem Buch „Vom Leben und Sterben“ mehr Mut zur protestantischen Freiheit und zur Vielstimmigkeit in ethischen ­Fragen gefordert. Was genau ­wünschen Sie sich von Ihrer ­Kirche?

Für mich war eine der wichtigen Erkenntnisse Martin Luthers: Der einzelne Christ und die einzelne Christin sind im Blick auf ihre Beziehung zu Gott und auf ihr Verständnis von Gottes Wort von der kirchlichen Hierarchie befreit. Sie können und müssen in eigener Verantwortung das Wort Gottes für das eigene Leben reflektieren und Entscheidungen treffen. Für mich gibt es keine eindeutigen, für alle Zeiten und für alle Menschen gültigen christliche Antworten auf ethische Fragen. Deshalb wünsche ich mir eine Kirche, die mit Vielstimmigkeit, Uneindeutigkeit und Unentscheidbarkeit leben kann.

Frau Schneider und Herr Schneider, wo müsste der Gesetzgeber Ihrer Meinung nach jetzt Grenzen setzen, damit assistierter Suizid keine normale medizinische ­Behandlung wird?

Das Gericht selbst gibt Hinweise: Beratungspflichten werden für zwingend gehalten, Zuverlässigkeitsprüfungen für Sterbehilfevereine sind denkbar, Wartezeiten für Sterbewillige können eingeführt werden, Verbote fragwürdiger Organisationsformen sind möglich, Hilfsangebote sollen fürsorglich und ­seriös ausgestaltet sein. Uns scheint besonders wichtig zu sein, dass das Urteil nicht zum Anlass genommen wird, den Ausbau, die Ausstattung und weitere Entwicklung von Palliativmedizin und Hospizstrukturen zu vernachlässigen.


Die Fragen stellte Sibylle Sterzik.

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1. Theologie in Zeiten von Corona Andrea Richter Theologie in Zeiten von Corona
Auf meinem Schreibtisch liegt eine Postkarte, die ich vor zwei Jahren während eines wundervollen Urlaubes in der in Arles, in der Fondation Vincent van Gogh, gekauft habe: ein Totenschädel.
Memento Mori, bedenke, Mensch, dass du sterben musst!
Das macht mir keine Angst, und es hat für mich nichts, aber auch gar nichts mit einem strafenden Gott zu tun.
Das Bild erinnert mich an Adam, den ersten Menschen, dem Gott (nach Genesis 2, 7) den Odem des Lebens in seine Nase blies, so dass der Adam (Mensch) von der Adama (der Erde) zu einem lebendigen Wesen wurde.
Der Mensch, der Atem, das Leben – die Lebensantwort auf den Ruf: bebauen und bewahren!
Das Virus, der Kampf um das Atmen-Können und die Bedrohung durch den Tod.
Corona – ist auch ein memento mori!
Unsere christliche Tradition gründet darauf:
Jesu Leben – Jesu Sterben am Karfreitag – in Gott hinein – Auferstehehung– ewiges Leben – ewiger Lebensodem!
Die Chance: Aufatmen (hier & jetzt) wieder Atmen lernen, uns (vor allem auch als Kirche) nicht mehr verausgaben.
Ja, aufstehen gegen Tod und Lebensfeindlichkeit – aber zugleich auch Umkehren – uns wieder bewusstwerden, was vor allem die Abendlieder unseres Gesangbuches uns lehren:
„Ein Tag, der sagt dem andern, mein Leben sei ein Wandern zur großen Ewigkeit. O Ewigkeit, so schöne, mein Herz an dich gewöhne, mein Heim ist nicht in dieser Zeit“ (EG 481, 5 Text: Gerhard Tersteegen, 1745)
Wir dürfen als Kirche (wieder) lernen, Menschen in Angewiesenheit, Hilflosigkeit und Abhängigkeit zu werden – und Gott in allem zu suchen und zu finden; wir dürfen lernen, uns nicht zu scheuen, von Gott zu reden, der alles in allen ist:
„Das eine ist mir so klar und spürbar wie selten:
Die Welt ist Gottes so voll.
Aus allen Poren der Dinge quillt er gleichsam uns entgegen.
Wir aber sind oft blind.
Wir bleiben in den schönen und bösen Stunden hängen
Und erleben sie nicht durch bis an den Brunnenpunkt,
an dem sie aus Gott herausströmen.
Das gilt für das Schöne und auch für das Elend.
In allem will Gott Begegnung feiern
Und fragt und will die anbetende, hingebende Antwort.
Die Kunst und der Auftrag ist nur dieser,
aus diesen Einsichten und Gnaden
dauerndes Bewusstsein und dauernde Haltung
zu machen und werden zu lassen.
Dann wird das Leben frei in der Freiheit
Die wir immer gesuchte haben.“

(am 17. November 1944 auf einen Kassiber von Alfred Delp mit gefesselten Händen geschrieben aus seiner Zelle im Gefängnis
2. Vor allem Umkehren und Lernen: aushalten und beistehen Michael Juschka Der Dialog ist anregend und ich danke den unsere Kirche Leitenden für ihre erfrischende Offenheit. Möglicherweise könnten auch ausgetauschte E-Mails noch einmal überarbeitet werden, damit die Gedanken stärker konturiert werden. Das Glaubensbekenntnis beginnt mit dem Glauben an Gott als Schöpfer. Deshalb wird es nicht leicht sein, Gottes Wirken nicht auch in Gefährdungen zu sehen, die sich aus dieser so vorfindlichen Schöpfung ergeben. Eine Botschaft, die ich auch aus dem Mund von Wissenschaftler*innen höre, steckt in der Frage, ob wir nicht Abstand davon nehmen müssen, Tiere in uns aufzunehmen. Mir fallen nur die Schlagworte wie Rinderwahnsinn, Schweine- oder Vogelgrippe ein. Was ist eigentlich mit den Wildschweinen los? Wir können auf keinen Fall gegen die Schöpfung selbst unser Leben entfalten und bewahren. Es geht um ein bauen und bewahren dessen, was vorgegeben ist.
3. GOTT braucht keine Kranken, um uns zu unterrichten Georg Wagener-Lohse Liebe Christina, Lieber Christian, zuerst dachte ich „typisch evangelisch und typisch akademisch – so viele Worte“. Und etwas Abgrenzendes sprang mich an. Ob es mit mir selbst zu tun hatte, mit meiner Sehnsucht nach einer empathischen aber auch deutenden Kirche?
Dann habe ich mir später noch einmal Zeit genommen und versucht, hörend zu lesen. Ja, zur Ruhe möchte ich auch gerne kommen, Trost finden, neben dem vielen Aufgeregten und Erschreckenden. Ja, und nach einem Sinn darin taste ich auch.
Da fiel mir dann auf, dass wir ganz nahe bei einander sind mit dem Gott, der Atem ist, der da ist. Und da tauchte sogar das Bild auf, das er uns geschenkt hat und was ich auch im Text gesucht hatte: der Gott mit uns, Immanuel, der den wir als den Christus bekennen.
Und dann bin ich dankbar für die Frage am Ende „Wie bringen wir das in Worte zur richtigen Zeit?“ - eine Haltung, die warten kann, dass der Atem kommt, der unsere Stimmen zum Schwingen bringt und unsere Füße in Bewegung setzt.
Abgesehen von den gestrigen, die den rächenden Lehrmeister wieder beschwören wollen, möchte ich aber auch noch um unsere Solidarität mit denen bitten, die unsere gesellschaftliche Krise vor und nach „Corona“ sehen. Sie reiben sich die Augen, was wir alle plötzlich zustande bringen an Konsequenz. Ich finde hilfreich, was Matthias Horx als Re-gnose beschrieben hat, und ich finde auch eher diejenigen autoritär, die uns bei einem mit der Schöpfung unverträglichen Lebensstil halten wollen. Ich wünsche mir so sehr, dass auch unsere Kirche auf dem Weg aus dieser Gefangenschaft dabei sein wird.
Herzlich, Georg

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